Der Marquis von Flandern»Er sollte jetzt schon ein Pferd bekommen.« Jorin schwingt den Mantel um sich, rückt die Kapuze zurecht. »Wenn er bei dir mit aufsitzt, sind wir zu langsam.« Er tritt vors Haus, pfeift einen Knecht heran. »Sattele den besten Gaul deines Herrn. Er begleitet uns.«
Der Junge macht große Augen. »Wirklich? Ist er wieder wohlauf?«
»Es geht ihm blendend.«
»Frida sagte, er fühle sich schwach und müsse das Bett hüten.«

Jorin wechselt mit mir einen Blick. »Der Herr Marquis hat ihm eine Arznei gegeben.«

Ich setze eine wichtige Miene auf, nicke. »Er ist frisch wie ein Fisch.« Allerdings wie ein toter. Ich gebe Jaspar keine zwei Stunden mehr. Insofern wird er das Pferd nicht vermissen. Ich hätte es ihm jedoch auch dann genommen, wenn er nicht im Sterben liegen würde. Es gibt Dinge, die stehen mir zu.

Der Knecht sputet sich und ich nehme Hendrik beiseite.

»Kommt der Junge zurück, schwingst du dich auf diesen Gaul und gibst ihm die Sporen. Niemand geht mit Pferdedieben duldsam um. Verstanden?«

»Du willst das Pferd stehlen?« Seine haselnussbraunen Augen werden immer größer vor Empörung. »Das kannst du nicht!«

»Doch. Es ist recht leicht.«

Seine neue Garderobe kleidet ihn ausgezeichnet. Die Beinlinge machen genau das, was ich mir von ihnen erhofft habe: Seine langen Beine betonen. Er sieht aus wie der Sohn eines Edelmannes. Mein Herz schlägt allein bei seinem Anblick höher.

»Jaspar Schouten hat mich vor dir gewarnt.« Auf seiner Stirn bildet sich eine tiefe Falte. Sie verkrumpelt das Zeichen. »Er sagte, ich solle eines seiner Pferde nehmen und vor dir fliehen.«

Was bin ich froh, dass sich Jaspars Mund bald für immer schließt. »Ein Kompromiss.« Menschen lieben Kompromisse, weil sie sich einbilden, besser dabei wegzukommen, als ohne diese kleinen Lügen. »Befolge den ersten Teil seines Rates: Nimm dir sein Pferd. Den zweiten Teil vergiss. Wenn du mir nicht folgst, werde ich dir folgen. Du siehst, eine Flucht vor mir würde dir absolut nichts bringen.« Ich will keinen Tag mehr ohne ihn sein. Hendrik hat mich in Gefühlen ertränkt. Mir die höchste Lust beschert, sie in mir schmelzen lassen, sie wieder erweckt, aus mir herausgesaugt, sie überfließen lassen. Mein Leib erbebt nur wegen der Erinnerung daran.

»Ich habe dein Leben gerettet.« Ich packe ihn am Kinn, zwinge ihm einen Kuss auf. »Nun gehört es mir.«

»Ich will mich nicht vor dir fürchten müssen.« Hendrik wischt meine Finger von sich. »Versprich es mir.«

»Ich schwöre es dir.« Meine Hand legt sich auf mein Herz, mein Kopf neigt sich. »Du wirst keinen Grund haben, mich zu fürchten, Hendrik de Ruiter.« Niemals habe ich etwas aufrichtiger gemeint. »Erlaube mir deine Nähe, gestatte mir, dich zu beschützten und fick mich so oft es dir möglich ist.« Ich bin süchtig nach ihm. Will seine Lippen um meinen Schwanz spüren, will seinen in mir fühlen.

»Du bist erregt.« Hendrik legt die Hand in meinen Schritt, massiert mich durch zu viele Stofflagen. »Nur weil du an unsere Liebesnacht denkst.« Ein feines Rot ziert seine Wangen. »Ich liebe deine Ehrlichkeit in diesen Dingen.«

»Liebe mich.« Ehrlichkeit gehört nicht zu meinen Tugenden, sondern zu meinen Schwächen.

Er tritt so dicht vor mich, dass seine Hüfte meine berührt. »Zwingt mich dieses Zeichen auf meiner Stirn dazu?«

»Nein.«

»Es ist kein dunkler Zauber?«

»Es ist ein Zauber. Doch er zwingt dich nicht zu Gefühlen, die du nicht empfinden willst. Er zeichnet dich nur als das, was du bist. Mein Eigentum, das ich niemals mehr hergeben werde.«

»Was ist, wenn ich eines Tages hergegeben werden will?« Er neigt den Kopf, umschließt das Zentrum meiner Lust fester mit seinen Fingern.

»Du hast mich in der Hand. Fühlt es sich gut an?« Für mich ist es wundervoll. Ich erdulde den beginnenden Lustschmerz, sehne mich danach, von Hendrik erlöst zu werden.

»Beantworte mir die Frage.«

Ich sehe seiner Miene an, wie schwer ihm die Beherrschung fällt. Auch in ihm bahnen sich die elementaren Kräfte der Ekstase an.

»Ich würde dich bitten, deine Entscheidung noch einmal zu überdenken.« Ich kann ihn nicht halten. Wenn er gehen will, wird er es tun. Und wenn er mir zehnmal gehört. Weder werde ich ihn anketten, noch einschüchtern. »Du bist ein freier Mann, doch das Zeichen auf deiner Stirn wird dich für jeden, der in der Lage ist, es zu lesen, als mein Eigentum kennzeichnen. Gleichgültig wohin du dich wendest.«

»Ein Brandmal.« Er lässt mich los, senkt die Lider. »Freiheit ist etwas anderes.«

Mich packt nackte Angst. Er darf sich nicht von mir abwenden. Nicht so schnell. Irgendwann wird er es tun, aber nicht jetzt. »Das Zeichen spiegelt sich.« Erneut ziehe ich es auf seiner Stirn nach. »Was für die eine Hälfte gilt, gilt auch für die andere.«

»Dann gehörst du mir ebenfalls?«

Sein Lächeln legt sich wie Balsam um mein Herz.

»Ja. Auf dieselbe Weise. Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Kein Herr, kein Knecht. Ich bitte dich nur, meine Methoden nicht zu hinterfragen.«

Ein Leuchten, das ich niemals wegen eines so simplen Umstandes erwartet hätte, flutet seinen Blick. »Damit kann ich leben.« Er schenkt mir einen so scheuen Kuss, als hätte es die Leidenschaft der letzten Stunden nicht gegeben.

»Rouven.« Jorin stößt mich an. »Der Knecht.« Er nickt zu den Ställen.

Der Junge führt unserer Pferde, ein drittes trottet ihm hinterher.

Hendrik pfeift durch die Zähne. »Was für ein prachtvolles Tier.« Grinsend geht er ihm entgegen, wechselt ein paar Worte mit dem Knecht und greift Jaspars Pferd in die Zügel. Es lässt sich von ihm über die Schnauze streicheln, den Hals klopfen, und stört sich auch nicht daran, dass sich Hendrik elegant in den Sattel schwingt.

»Ich wäre dann soweit.« Er lacht wunderbar unbeschwert.

»Hier!« Jorin hält sein Reisebündel hoch. »Soll ich das mitnehmen oder was?«

»Ja.« Hendrik wendet das Pferd, trabt durch das Tor auf die Gasse.

»Wir sollten ihm nach.« Jorin nimmt dem erschrocken blickenden Knecht die Zügel aus der Hand, schnallt das Gepäck hinter den Sattel. »Werte Grüße an Schouten.« Er sitzt auf, ich folge seinem Beispiel.

Wir lassen den stammelnden Jungen zurück, traben Richtung Stadttor. Da wir uns bereits bei unserer Ankunft ausgewiesen haben, lässt uns die Wache ziehen.

Hendrik reitet hervorragend. Ich kann mich an ihm nicht sattsehen. Auf der Straße lasse ich mich zurückfallen, nur um ihn in Ruhe betrachten zu können. Seine Haltung, die sanfte Art, mit der er dem Pferd seinen Willen vermittelt. Es gehorcht ihm, als hätte nie ein anderer Herr auf seinem Rücken gesessen.

Hendrik de Ruiter.

Kein Beiname passt besser zu ihm.

»Wenn er dein Bote ist, wird er ab und an unterwegs sein.« Jorin sieht mich von der Seite an. »Mindestens ein paar Tage, oder hast du vor, ihn nur bis zum Nachbarn zu schicken?«

»Im Moment benötige ich keinen Boten.« Der Samen für Aufstand und Krieg ist längst gelegt. Bevor er nicht keimt, besteht kein Bedarf, Nachrichten zwischen Königen und Grafen hin und herzuschicken. »Ich wollte ihm lediglich das Gefühl vermitteln, auch außerhalb meines Bettes gebraucht zu werden.«

»Wie ehrenvoll. Denkst du nicht, es fällt ihm auf? Er ist klug. Das sagst du selbst.«

»Er wird sterben, irgendwann.« Mein Magen zieht sich zusammen. »Uns bleiben nur ein paar Jahre. Vergifte sie nicht mit deinem Unken.«

»Mach es wie bei Marten und mir. Vielleicht gefällt ihm die Ewigkeit.«

»Nein. Ich habe ihm versprochen, dass er mich niemals fürchten muss.« Die Verdammnis ist kein Ort inmitten von Flammen und wütenden Dämonen. Sie ist stillstehende Zeit ohne die Möglichkeit, sich von seinen Fehlern zu befreien und das Spiel von Neuem zu beginnen. Unbeschwert und frei von alten Bedrängnissen. Jorin hatte die Wahl und hat sich entschieden. Unter seinem Halstuch versteckt er die Erinnerung an einen grausamen Tod, der ihm bereits an den Fußgelenken hing. Es war mir eine Freude, ihn vom Strick zu schneiden und dafür dem Henker die Schlinge um den Hals zu legen. Ein Trick mit Ruß und Lärm, eine Ablenkung in der Menge und der Tod tauschte sein Gesicht. Was den Menschen als Zauberei gilt, ist nichts anderes als eine Frage des richtigen Zeitpunkts und gründlicher Vorbereitung.

Ein Mal auf der Stirn dagegen ist über jeden Trick erhaben. Noch heute zeichnet es die Kainssippe und wirkt nach wie vor.

Kein Makel.

Ein Status.

Frei gewählt.

Es ist fair, die Wahl zu lassen.

Marten besaß sie nicht und füllt mein Sündenregister zu meinen Ungunsten. Derer sind einige unter den Menschen. Sie wähnen sich frei, weil ich ihnen den Tod genommen habe, und übersehen, dass damit auch das Leben ging. Sie teilen mein Schicksal und versinken, der eine früher, der andere später, in tiefster Verbitterung.

Es ist nicht meine Hölle, die ich ihnen aufzwinge. Es ist ihre eigene und sie gestalten sie so schwarz und entsetzlich, wie immer sie es wünschen.

»Wird es über den Tod hinaus Bestand haben?« Jorin tippt sich an die Stirn. »Vielleicht verblasst es.«

»Ich hoffe nicht.« Wie sollte ich Hendrik sonst wiederfinden?

»Das ist zu vage.« Als hätte er nur die geringste Ahnung von diesen Dingen, schüttelt er den Kopf. »Seine Wurzeln stecken in flandrischer Erde. Sorge dafür, dass es so bleibt. Damit grenzt du die Suche das nächste Mal ein.«

»Hinter seinem Rücken?« Er hat mein Wort.

»Muss ja nicht. Mach es wie bei einem deiner Kartentricks. Sag ihm, er soll sich eine Karte aus dem Stapel merken, dann mischst du und bittest ihn, eine Karte zu ziehen. Die, die er zieht, ist die, die er sich gemerkt hat. In deinem Fall der Herzbube. Das wiederholst du jedes Mal.«

»Du bist schlau.« Das wusste ich, bevor ich ihn abschnitt.

»Ist mir klar.«

»Und hochmütig.«

Jorin lacht.

Das Herz und der Bube. Zwei Merkmale.

Das Land und der Name. »Hendrik klingt erhaben und Flandern ist grün und weit.«

»Weder das eine noch das andere nutzt sich ab. Die Kombination sollte für ein paar Runden taugen.«

»Ich weiß nicht, wie ich das Ritual an ihm vollziehen soll, ohne dass er sich vor mir fürchtet. Es ist kein Kinderspiel, die Erde mit dem eigenen Blut zu tränken und seinen Namen in den Wind zu rufen.«

»Wenn du ihn nicht zwingen willst, muss er es wollen.« Jorin verzieht den Mund. »Und seinen Namen wird er nicht rufen, sondern brüllen.«

Das befürchte ich ebenfalls.

Ich treibe mein Pferd an, hole Hendrik ein. »Heute Abend erreichen wir Groenval. Ich hoffe, dir gefällt mein Anwesen.«

»Gefällt es dir?«

Ich liebe Hendriks Grinsen.

»Dann gefällt es mir auch.«

»Ich würde gerne mit dir den Beginn deines neuen Lebens feiern. Mit gutem Essen, viel Wein …«, einem wohlplatzierten Messerstich, Tränen und Schmerz.

Ich werde ihn so betrunken machen, dass er ihn ertragen wird.

»Dir liegt etwas auf der Seele.« Seine Miene wird ernst. »Was ist es?«

»Nichts.« Da ist keine Seele, auf der etwas liegen könnte.

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