Der Marquis von FlandernHonig.
Ich lecke über meine Lippen. Sie sind voll davon.
»Aufwachen.« Rouven sitzt im Schneidersitz neben mir, steckt sich den Daumen in den Mund und zieht ihm mit einem schmatzenden Geräusch wieder hervor. »Frühstück fällt bis auf diese Kleinigkeit aus, aber Jorin hat Proviant für uns eingepackt.«
Ich brauche einen Moment, um mich zu orientieren.
Das prachtvolle Zimmer, der Badezuber mit dem längst kalten Wasser, das Bett, das weicher ist, als alles, auf dem ich jemals geschlafen habe.

»Das Haus von Japsar Schouten.« Der hagere Mann, der mich vor Rouven gewarnt hat.

»Ich habe mich auch in deinem Namen bereits von ihm verabschiedet.« Er winkt Jorin, der mir einen Kleiderstapel auf den Bauch legt.

»Dem Augenmaß nach passt du da rein.« Jorin kratzt sich am Hals, verzieht das Gesicht. »Deine alten Sachen lassen wir hier. Ordentliche Leute tragen keine Hosen.«

»Was ist an meiner Hose falsch?« Sie ist praktisch und sie hält warm. »Die meisten Bauern tragen Hosen.«

»Aber keine Bauernsöhne, die mit dem Marquis reisen.« Er pflückt ein Paar Beinlinge aus dem Stapel. »An damit.«

»Mit den Dingern sehe ich aus wie ein Geck.«

»Sehe ich aus wie ein Geck?« Jorin lupft sein Obergewand. »Sieht Rouven aus wie ein Geck?«

»Das ist etwas anderes.« Ein Marquis ist ein Marquis. Und sein Diener ist der Diener eines Marquis.

Ich bin der Sohn eines Bauern.

Der verstoßene Sohn eines Bauern.

»Ist gut, ich zieh das Zeug an.«

Jorin grinst.

Das Leinenhemd ist sehr fein gewebt. Es fühlt sich bei Weitem glatter an als meine Hemden. Es ist auch viel leichter, was ich erst beim Überziehen bemerke. Dasselbe gilt für die Brouche. »Ein bisschen zu schade für meinen Arsch, oder?«

»Draußen ist es kalt.« Rouven beißt sich auf die Lippen, lächelt. »Außerdem ist nichts zu schade für deinen Arsch. Erlaube es mir, und ich packe ihn in Seide. Ihn und alles andere.«

Muss sich wunderbar anfühlen, dieser schmeichelnde Stoff an sensiblen Körperstellen. Ich habe ihn berührt. Auf dem Markt in Antwerpen. Es ist lange her. Bauern dürfen keine Seide tragen und was sollten sie auch damit?

»Gefallen dir die Stiefel?« Jorin setzt sich auf die Bettkante. »Besser als deine Klompen.«

Bei den Stiefeln bin ich noch nicht. Ich kämpfe mit den lächerlichen Beinlingen und frage mich, weshalb sie ständig herunterrutschen.

Rouven lacht, steht auf und kommt mir zu Hilfe. Er schlingt einen schmalen Gürtel um meine Hüfte, befestigt die Bänder daran.

»Ein Gürtel für untendrunter?« Ich will meine Hose zurück.

Schweigend stülpt er mir das Obergewand über. Es ist leuchtend blau und eine bestickte Borte ziert die Säume. Ich habe nie so etwas Schönes getragen.

»Das darf ich nicht anziehen.« Farbenfrohe Stoffe sind mir ebenso untersagt wie Seide.

»Die Gesetze wurden von Fatzken niedergeschrieben.« Jorin spuckt aus und fängt sich von Rouven einen strengen Blick ein, der ihn allerdings nicht zu kümmern scheint. »Der Marquis will dich in diesem Schnickschnack sehen, also zieh den Schnickschnack an.«

Wieder ein Gürtel. Diesmal ein breiter mit kunstfertig geschmiedeter Schnalle.

»Der Dolch.« Rouven greift hinter sich und Jorin legt ihm die Waffe in die Hand. Er steckt sie in den Gürtel, nickt zufrieden. »Weißt du, warum der Beiname deiner Familie de Ruiter heißt?«

»Einer unserer Vorfahren gehörte zu den berittenen Boten des Königs.« Mein Großvater hat die Geschichte zig Mal erzählt.

»Er war nicht irgendein Bote, er war der schnellste und geschickteste.« Rouven tritt einen Schritt zurück, mustert mich versonnen. »Er brachte es fertig, unbemerkt durch die Feindeslinie zu schlüpfen, um die Nachrichten zu ihrem Bestimmungsort zu bringen. Der König war ihm sehr dankbar und als dein Vorfahre alt wurde, schenkte er ihm das Land, das heute noch von deinem Vater bewirtschaftet wird.«

»Woher weißt du das?«

»Ich kenne mich mit der Geschichte dieses Landes aus. Das schließt die Schicksale von Boten und Bauern mit ein.«

Ich fühle mich geschmeichelt. Und stolz. Beides gefällt mir.

»Mir scheint, der Bauer liegt dir viel weniger im Blut, als der Reiter.«

Ich warte vergebens auf ein anzügliches Grinsen als Anspielung auf die letzte Nacht.

»Sei mein Bote.«

»Du bist kein König.«

»Ich bin der Marquis.«

»Es war ein Scherz. Was scheren mich Könige?«

»Sie scheren dich dann, wenn sie mir befehlen, ihre Armeen mit kampftauglichen Bauernsöhnen aufzustocken, die in der Regel diverse Schlachtfelder üppig mit ihrem Blut tränken.« Er zwinkert mir zu. »Ich bin der Marquis. Derlei Aufgaben werden zuweilen an mich herangetragen.«

»Aber nicht von Flandern.« Rouven ist ein Aufschneider. »Ludwig von Maele ist der Graf.«

»Ist er das?«

Jorin lacht auf. »Ja genau!«

Rouven drückt mir die fein gegerbten Lederstiefel in die Hand. »Macht bedient sich zahlreicher Gesichter und ebenso zahlreicher Namen. Doch wie sie wirklich aussieht, wissen nur wenige.« Sein Blick schweift erneut zu Jorin, der ihn grinsend erwidert. »Besorge dem Jungen ein Pferd, sobald wir Antwerpen erreichen. Das Beste, das sich auftreiben lässt. Soweit ich mich erinnere, schuldet mir Bram noch einen Gefallen.«

»Strenggenommen nicht er, sondern sein Urgroßvater.« Jorin zuckt die Schultern. »Das fällt dann wohl unter Erbschuld.«

»Wie kann sein Urgroßvater dir einen Gefallen schulden?«

»Wie kann ein Bauerntölpel ohne Erfahrung so geschickt mit Lippen und Zunge umgehen?« Wie zufällig fasst er sich in den Schritt. »Dinge sind.« Sein Blick wird hart. »Oder sie sind nicht. Nimm es hin.« Er wendet sich ab, setzt sich an den Tisch am Fenster. Aus einem Stapel zieht er ein Stück Pergament, öffnet das Tintenfass und taucht einen Federkiel hinein. »Kannst du lesen?«

»Nein.«

»Gut. Das macht dich zu einem vertrauenswürdigen Boten.« Er sieht über die Schulter zu mir. »Dennoch ist es verachtenswert, sich dem Wissen zu verschließen. Ich werde es dir beibringen und gnade dir Gott, du stellst dich dabei dämlich an.«

»Warum schüchterst du mich ein?« Ich schmeiße die Stiefel in die Ecke. Sie taugen nicht für den Winter. Ohne meine Klompen gehe ich keinen Schritt. »Du hast dich mir als Freund und Vertrauter gezeigt. Du hast mich gerettet und mir die wollüstigste Nacht meines Lebens geschenkt. Doch jetzt behandelst du mich, als wäre ich dein Lakai!« Mein Vater ist ein freier Bauer. Mein Großvater ebenfalls. Ich bin stolz darauf.«

»Dich einschüchtern?« Ohne aufzusehen oder nur in der Bewegung zu stocken, lässt er die Feder weiterhin über das Pergament kratzen. »Ich wünschte, ich könnte es. Aber Menschen wie du lassen sich weder von Namen noch Titeln einschüchtern. Nur vom Schmerz. Meist erliegen sie ihm inmitten der Flammen, vor denen sie auch das zur Schau getragene Ketzerkreuz nicht mehr rettet.«

Mir geht ein Schauder über den Rücken. Mein Vater hat mich gewarnt. Ich solle meine Gedanken für mich behalten.

»Ich liebe euch.« Rouven bläst über die strenggezogenen Linien, sieht der Tinte beim Trocknen zu. »Weil ihr euch vertraut. Einen offenen Blick habt. Das Schwarze auch dann erkennt, wenn es sich weiß anmalt.« Er dreht sich auf dem Stuhl zu mir. »Du und deinesgleichen werdet niemals meine Lakaien sein. Ich zwinge euch keine Dienste auf, fordere keine Gefälligkeiten, aber wenn ihr mir freiwillig eure Gunst schenkt, ob nackt in einem Zuber oder während eines Gespräches bei einem Becher Wein, werde ich nicht nein sagen.«

»Ich bin etwas Besonderes für dich?« Mein Herz dehnt sich aus, wird warm.

»Oh ja.« Er steht auf, greift mir in die Haare. »Und deshalb bitte ich dich nicht nur in meine Dienste. Auch in mein Bett. Doch ich dränge dich weder zu dem einen noch zu dem anderen. Ich werde dich niemals zu etwas zwingen, das du nicht von dir aus willst. Und jetzt zieh die Stiefel an. Die Dinger waren sauteuer.«

»Und wenn ich nicht will?« Ich muss grinsen, ernte jedoch nur ein entnervtes Seufzen.

»Das ist die Kruxs mit Leuten wie euch.« Hilfesuchend blickt er zu Jorin. »Ihr habt immer das letzte Wort.«

»Wird wohl so sein, Marquis.« Jorin pult sich etwas aus den Zähnen, schnippt es von sich.

Rouven schüttelt resigniert den Kopf.

»Ist ja gut.« Ich sammele die Stiefel hinter einem Schemel hervor. »Für einen berittenen Boten ziemen sich keine Klompen.«

Rouven hebt die Braue, schweigt.

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