Der Marquis von FlandernMein geliebter Hendrik!
Es war mir stets ein Anliegen, dir unter die Arme zu greifen. 

Bitte nimm meine Hilfe an.
Es wäre mir eine Freude,
Rouven van Donker, der Marquis
Die Glocke der Sankt Andries-Kerk schlägt Mitternacht.
Ich starre auf die Briefkarte, lese meine Abschrift und begreife dennoch nicht, was hier läuft. Die 10.000 Euro sollen von einem Mann stammen, der vor hunderten von Jahren einen Hendrik de Ruiter erwähnt und mich im frischen Jahr 2017 Geliebter nennt.

Ein Scherz. Ein richtig guter. Wohldurchdacht, aufwändig, fantasievoll. Marten schien Humor besessen zu haben. Aber er muss jemanden eingeweiht haben, der die Farce nach seinem Tod aufrecht erhält.

Kok? Wäre naheliegend. Die Geschichte von dem senilen Vater kann ebenso gut eine Lüge sein. Um eine Mail zu beantworten, die an den Sohn gerichtet ist, braucht er vermutlich ein Passwort.

Entweder gibt es einen echten Kok, den ich noch nicht zu Gesicht bekommen habe, der mich jedoch vor einem Betrüger gewarnt hat, oder es gibt zwei echte Koks und die Alzheimer-Geschichte entspricht der Wahrheit. In diesem Fall müsste eine andere Person involviert sein. Jemand, der aus dem Verborgenen heraus im Sinne meines Großonkels handelt, um mich in die Irre zu führen.

Nur warum? Marten ist tot. Wer auch immer über mich lacht, er ist es nicht.

Dieses Spiel geht mir ebenso auf die Nerven, wie es mich reizt. Es hat nie einen Marquis mit dem Namen Rouven van Donker gegeben. Jedenfalls findet ihn keine Suchmaschine. Wenn er Herrscher berät, wie er in einem der Briefe großspurig schreibt, dann besaß er Einfluss. Sicherlich genug, um die Geschichtsschreibung einzugehen.

Irgendeine Erwähnung, und wäre sie noch so klein. Aber da ist nichts.

Mir ist danach, die Briefe zusammenzuknüllen, den Kamin anzuzünden und ihnen beim Verbrennen zuzusehen.

Ich fühle mich verarscht.

Endlich hört das Geläute der Glocken auf.

Zeit fürs Bett.

Ich strecke mich, öffne das Fenster, für ein paar Atemzüge frischer Luft.

Im Hauseingang gegenüber glimmt eine Zigarette auf. Ein Mann tritt aus dem Schatten ins Licht der Laterne, sieht zu mir herauf. Blonde Haare, ein ungemein attraktives Gesicht. Mir ist, als hätte ich ihn schon gesehen.

Vor dem Café! Er hatte auf der anderen Straßenseite gestanden. Ich lehne mich weiter aus dem Fenster. »Guten Abend!«

Er lächelt. »Ebenfalls!«

»Entschuldigen Sie, aber kennen wir uns?«

»Ja.« Er nimmt einen tiefen Zug, lässt sich Zeit beim Ausatmen. Silberner Rauch hüllt ihn ein.

Der Anblick fesselt mich für einen Moment stärker, als die Antwort auf meine Frage.

»Ich erzähle es dir bei einem Glas Wein. Komm runter.« Er zeigt mit dem Daumen hinter sich zu dem Backsteinhaus, das ebenso schmal ist wie meines. »Ich wohne hier. Wir sind also Nachbarn.«

Er grinst dermaßen sympathisch, dass ich gar nicht anders kann, als zu nicken. Sämtliche Müdigkeit ist verflogen. Erstens, weil mein Nachbar verboten smart aussieht und zweitens, weil ich es leid bin, mich in dem alten Haus wund zu grübeln.

»Gern. Soll ich was mitbringen?« Groß gespuckte Töne, bis auf einen Rotwein ist nichts Spektakuläres im Haus. Nicht einmal Salzstangen.

»Nur dich.« Wieder dieses Grinsen.

»Gib mir einen Moment.« Die Treppe liegt zwischen uns und im Winter bin ich nie der Schnellste.

»Ich weiß, dein Bein.« Seine Miene wird ernst. »Macht es dir großen Kummer?«

»Woher weißt du das?« Ach verdammt. Er wird gesehen haben, wie ich durch die Gegend humpele. Das dürfte mich ein paar Attraktivitätspunkte kosten.

»Ist mir schon länger aufgefallen. Nimm dir Zeit. Ich warte.«

Er trägt nur einen Pullover. Ist wahrscheinlich nur für die Zigarette vors Haus getreten. Ihm muss eiskalt sein.

»Ich beeile mich.« Ich schließe das Fenster, kontrolliere im Spiegel meine Erscheinung. Ein wenig übernächtigt aber sonst in Ordnung. Einmal durch die Haare fahren, ein Lächeln üben. Doch, ich freue mich auf Gesellschaft. Auch wenn, was naheliegt, kein Flirt draus wird. Ich habe michoft in Heteros verguckt. Zwei von ihnen sind meine Freunde und mittlerweile ist das Missverständnis geklärt.

Ich bewältige die Treppe so schnell ich kann, werfe mir den Mantel über und stecke den Schlüssel ein.

Mein Nachbar steht immer noch neben der Laterne. »Ich bin Rouven.« Er hält mir seine Hand hin.

Meine gefriert in der Luft.

»Rouven?« Dann ist er der Kerl, der für diesen Scherz verantwortlich ist. Ich umschließe seine Finger, drücke ein wenig fester zu, als es die Höflichkeit gebietet. »Ich bin Hendrik.«

»Ist mir bekannt.« Er verzieht den Mund, betrachtet unsere ineinanderverschlungenen Hände. »Willst du mir die Finger brechen?«

»Tut mir leid.« Ich lasse ihn los, während er seine Zigarette wegschnippt. »Ich denke, wir sollten uns unterhalten.«

»Ja, denke ich auch.« Er geht vor, schließt die Haustür auf.

Nur ein Namensschild. R. van Donker.

Alles klar. Heute Nacht löst sich das Rätsel.

»Früher habe ich in Martens Haus gewohnt«, plaudert er, während er im Flur das Licht einschaltet. »Ich meine, bevor er eingezogen ist.«

»Hat er nicht schon immer dort gewohnt?« Rouven scheint mir noch sehr jung zu sein. Zwanzig?

»Nein, dein Onkel wohnte lange Zeit in einem kleinen Dorf in der Nähe von Aarschot. Er ist erst vor etwa dreißig Jahren hergezogen.«

»Was soll das?« Will er dieses Spiel wirklich fortsetzen? »Du bist keine dreißig. Wie willst du früher drüben gewohnt haben?«

»Ach Hendrik.« Sein Lächeln sieht traurig aus. Er steigt vor mir die Treppe hinauf, bittet mich ins Wohnzimmer.

Wie bei Marten befindet sich ein Kamin an der Stirnseite des Zimmers. Nur dass dieser hier brennt. Überhaupt scheinen beide Häuser vom Schnitt beinahe identisch zu sein.

»Darf ich dir deinen Mantel abnehmen?«

Bevor ich antworten kann, streift er ihn mir von den Schultern und legt ihn achtlos auf die Lehne eines Sofas.

Auf dem Tisch davor stehen bereits zwei Gläser und eine Flasche Rotwein. »Ein Franzose. Früher hast du französische Weine gemocht.«

»Du weißt von den komischen Briefen, nicht wahr?« Mir ist die Lust vergangen, um den heißen Brei zu reden. »Spielst du dein eigenes oder Martens Spiel?«

»Mein eigenes.« Er schenkt uns ein, prostet mir zu. »Marten ist vor langer Zeit zufällig hineingerutscht und ging mir seither auf die Nerven.«

»Warum tust du das?« Ich nippe am Wein. Er ist gut. Sehr gut.

»Mit dir spielen?« Rouven schüttelt den Kopf. »Du verstehst es nicht. Du vermutest eine Intrige, doch da ist keine. Ich habe dich nie angelogen und werde damit jetzt nicht anfangen.«

»Ich habe dich nie gesehen!«

»Du erinnerst dich nur nicht mehr.«

»Komm mit zu mir. Ich zeige dir die Briefe.«

»Ich habe sie geschrieben. Du musst sie mir nicht zeigen.«

»Im Jahr 1574?«

»Du hast dir die Daten gemerkt?« Rouven nickt beeindruckt. »Ich habe sie schon vergessen.«

»Hör auf damit.« Ich knalle das Glas auf den Tisch. Mir ist es egal, dass der Wein überschwappt. »Raus mit der Sprache. Warum tust du so, als wärest du ein mittelalterlicher Marquis?«

»Im Moment bin ich ein sehr aktueller Marquis des 21. Jahrhunderts.«

»Bitte! Ich bin es leid!«

Mein Bein verkrampft sich. Ausgerechnet jetzt. Ich greife in den Muskel, fühle bloß Härte. »Verdammt!« Es wird immer schlimmer.

»Das ist der Winter.« Rouven setzt sich zu mir, beginnt, meinen Oberschenkel zu massieren. »Und deine Anspannung. Lass locker.«

»Dann hör auf, mich anzulügen.« Gott, tut das gut, was er macht. »Du kränkst mich mit diesem Spiel.«

»Und du kränkst mich, weil du dich nicht erinnerst.« Er nimmt mein Glas Wein, hält es mir an die Lippen. »Trink. Vielleicht verzeihe ich dir dann.«

Ein seltsames Gefühl, gefüttert zu werden.

Rouven taucht den Finger ins Glas, benetzt ihn mit Wein. »Halte still.« Er tippt mir auf die Stirn, zieht Linien. »Es ist noch da«, sagt er leise. »Nur ein bisschen verblasst.«

»Was ist noch da?« Auf einmal wird mir kalt.

»Das Zeichen. Es wird schwächer. Als ich dich das letzte Mal getroffen hatte, konnte ich es von zwanzig Schritt Entfernung erkennen. Du hast im Graben gelengen und deinen Helm abgenommen. Neben dir schlug eine Salve ein, und du hast ihn wieder aufgesetzt. Es hat dir nichts gebracht.« Sacht legt sich seine Hand an meine Wange. »Die nächste hat deine Brust aufgerissen. Ich rannte zu dir, hielt dich im Arm. Du hattest so furchtbare Angst. Ich konnte sie dir nicht nehmen, nur mit dir gemeinsam auf den Tod warten.«

Meine Kehle ist trocken. Ich will denken, dass Rouven verrückt ist. Es gelingt mir nicht.

»Er kam schnell.« Rouven zuckt die Schultern, schenkt uns nach. »Du hast die Gewohnheit, jung zu sterben, Hendrik. Bitte lege sie ab.«

»Ich träume oder du bist ein …«

»… Trickser.« Sein Lächeln verschwindet hinter dem Glasrand. »Ist das das Wort, nachdem du suchst?«

»Ich hatte Betrüger im Sinn.«

»Dich habe ich nie betrogen.«

Die Tür öffnet sich. Dr. Kok?

Er nickt mir freundlich zu, nimmt sich ein weiteres Glas aus dem Schrank und setzt sich zu uns. »Kok ist tot«, teilt er Rouven mit und schenkt sich Wein ein. »Seine Zeit war ohnehin abgelaufen, wie du gesagt hast. Ich war sanft. Er hat nicht gelitten.«

»Danke, Jorin. Seinerzeit war er ein guter Arzt. Er hat einen schönen Tod verdient.«

»Jorin?« Ein Name aus einem der Briefe. »Soll das heißen, Sie sind nicht Dr. Kok?« Meine Handflächen werden feucht. »Und Sie haben ihn umgebracht?«

»Ja zu beiden Fragen.« Er zieht sich den Schal vom Hals, kratzt sich an der langen Narbe. »Warum sollte ich ihm diese Geschichte von meinem angeblichen Vater erzählen?«, fragt er Rouven. »Wenn ich gewusst hätte, dass du ihn jetzt schon einweihst, hätte ich mir das Theater sparen können.«

»Es geschah spontan«, höre ich Rouvens Stimme durch das Pochen meines Herzens. »Er beobachtete mich beim Rauchen.«

»Nein, das habe ich nicht. Es war rein zufällig.« Mir wird schwindelig. Was ist mit dem Zimmer los? Als ob es sich mit Rauch füllen würde.

»Ich bin drei Mal zu spät gekommen.« Ein harter Schlag trifft mich auf die Wange. »Weil du schneller sterben musstest, als ich dir meine Hilfe anbieten konnte. Das hört mir jetzt auf. Verstanden?«

»Nein.« Ich verstehe nichts. Gar nichts. Mir ist schlecht.

»Das liegt am Wein.«

Jorin?

»Er verträgt nichts.«

Jemand legt meine Beine hoch.

Mir wird schwarz vor Augen.

~*~

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