Der Marquis von FlandernMein Klingelton. Irgendwo hinter dem Horizont, dort, wo das graue Wasser aufhört und in einen grauen Himmel übergeht. Seltsam, ich lege es sonst auf den Nachttisch, aber weder ist der noch mein Bett oder das Schlafzimmer zu sehen.
Mir ist kalt. Nicht eisig, doch unangenehm. Vielleicht sollte ich schwimmen, dann würde mir wärmer. Keinen Schimmer, weshalb ich inmitten eines Meeres treibe. Es geht kaum Wind. Die Wasseroberfläche ist fast glatt.
Erneut klingelt das Handy. Es ist wichtig. Warum, habe ich vergessen.
Ein Boot nähert sich. Ohne Ruder, dennoch treibt es schnell auf mich zu. Der Mann darin, der sich freundlich lächelnd über den Rand zu mir beugt, kommt mir vage bekannt vor.

»Komm, ich helfe dir.« Er streckt mir seine Hand entgegen, zieht mich zu sich. »Was machst du hier draußen?« Er sieht sich um, streicht seine blonden Haare hinters Ohr. »Ist es dir nicht zu einsam?«

»Mir ist kalt.« Kein Wunder, ich bin nass und völlig nackt. Anscheinend bin ich kein Schiffbrüchiger, sonst wäre ich angezogen. Es ist ungewöhnlich, unbekleidet von Schiffen zu fallen.

Der Mann reicht mir eine Decke. Sie ist aus Frottee und blau gestreift. Ich habe Badehandtücher, die genauso aussehen.

»Du bist Hendrik de Ruiter, nicht wahr?«

Was für ein sympathisches Lächeln.

»Ich suche dich seit geraumer Zeit.«

»Warum?« Ich schlinge das Handtuch um mich, friere immer noch.

»Deshalb.« Er streicht mir über die Stirn. Von unten nach oben, wieder nach unten, wieder nach oben. Dann setzt er erneut an, wiederholt das Ganze, nur spiegelverkehrt. »Du bist mein wertvollster Besitz.«

»Du musst dich irren. Ich gehöre niemandem.« Zum Beweis zeige ich ihm meinen Pass. Komisch, dass er auf der Bank neben mir liegt. Aber nett, dass ihn der Mann für mich hergebracht hat.

Auf der Plastikkarte steht in engen, kantigen Buchstaben mein Name und darunter mein Status: herrenlos.

Der Mann nimmt mir die Karte ab, zückt einen Edding, streicht das Wort durch und schreibt frei daneben.

»Das ist ein offizielles Dokument.« Ich bin mir sicher, dass nur behördliche Stellen es ändern dürfen.

Der Klingelton meines Handys stört meine Gedanken, obwohl er falsch klingt. Ganz falsch. Eher so, wie die Türglocke.

»Einer von uns beiden lügt.« Der Mann neigt sich zu mir. »Wenn du frei bist, kannst du mir nicht gehören. Und wenn du mir gehörst, kannst du nicht frei sein.«

»Ist das für dich ein Problem?«

»Ist es eines für dich?«

»Nein.«

»Aber ich hätte dich gern.«

»Ich fühle mich geschmeichelt.« Er sieht fantastisch aus mit dem seidigen blonden Haar und den grünblauen Augen. »Als was?« Eventuell hätte ich die Frage früher stellen sollen.

»Als mein Geliebter.« Jedes Lächeln verschwindet. Ernst im Blick, Ernst in der Miene.

Mein Handy schrillt erneut.

Nein, es ist die verdammte Türglocke. Wie konnte ich das vergessen?

»Ich schlafe nicht mit Leuten, deren Namen ich nicht kenne.« Das wäre selbst mir zu unverbindlich.

»Du sollst auch nicht mit mir schlafen.« Er neigt sich dicht zu mir, beißt mir in die Lippe.

Ich zucke zurück, schmecke Blut.

»Du sollst mich in den Wahnsinn vögeln.«

Das Schrillen dringt in meinen Kopf, bohrt sich hinunter in mein Herz, lässt es vibrieren.

»Wo ist mein Handy?«

»Es ist die Tür.«

Richtig. »Wer bist du?«

»Finde es heraus.«

Jedes Wort küsst er mir auf die Lippen, während seine Hand an der Innenseite meines Oberschenkels hinauf wandert.

Kein Gedanke daran, sie wegzuschlagen. Ich spreize die Beine, genieße die Wärme seiner Berührung.

»Du magst es?« Er schließt die Finger um das kleine kalte Etwas in meinem Schritt. »Dann zeig es mir.« Sein Mundwinkel zuckt vor Spott.

Ich lehne mich zurück, versuche, die Kälte zu vergessen und mich nur auf ihn zu konzentrieren.

Er beginnt, mich zu reiben.

Ich schließe die Augen.

»Lass sie offen«, wispert er. »Sieh mich an.«

Ich gehorche, versinke in dem Blick, der die Farbe des Meeres annimmt.

»Du wirst hart.« Er leckt mir übers Kinn, reibt schneller. »Spritz es über meine Faust oder in meinen Mund. Was ist dir lieber?«

»Dein Mund.« Die Erfahrung ist neu für mich. Mir hat noch nie jemand einen geblasen. Bisher war ich zu schüchtern gewesen, darum zu bitten.

»Es wird mir eine Freude sein.« Er sinkt auf die Knie, verschlingt mich.

Ich keuche vor Lust, hebe ihm mein Becken entgegen.

Der Anblick, wie er an mir saugt, fährt mir ins Mark.

Alles in mir zieht sich zusammen. Die Welle überrollt mich, lässt mich nicht los.

»Oh Gott!«

Die Badewanne. Meine Finger krampfen sich um meine Erektion, es kommt mir so heftig, dass mir für einen Moment schwindelig wird. Mein Atem geht, als hätte ich noch nie Luft in meinen Lungen gespürt.

Ich sinke ins Wasser, höre mein Herz pochen. Nur ein Traum. Ein sinnlicher, eigenartiger Traum.

Ich muss aus dieser Wanne heraus. Das Wasser ist längst kalt. Das Handtuch auf dem Badewannenrand. Blaugestreiftes Frottee. Ich wickele mich darin ein, versuche, mein Zittern zu unterdrücken.

Mein Oberschenkelmuskel zieht. Ich hätte nicht einschlafen dürfen. Ich massiere ihn aber es bringt nichts.

Dafür schrillt die Türglocke. Sehr viel lauter als in meinem Traum.

»Ja, verdammt!« Ich humple ins Schlafzimmer, werfe mich in Jeans und dicken Rollkragenpullover. Noch während ich die Treppe hinab eile, fühle ich mich seltsam benommen.

»Wer ist da?« Ich brauche eine Gegensprechanlage.

»Anders Kok. Wir kennen uns bereits. Bitte verzeihen Sie die späte Störung.«

Die Stimme klingt viel jünger als die am Telefon.

Der Mann, der Marten den letzten Beistand gegeben hat, steht vor der Tür.

»Ich befürchte, ich muss Ihnen einiges erklären. Sie haben meinen Vater kontaktiert, kann das sein?«

»Ihren Vater?«

»Darf ich eintreten? Es ist sehr kalt draußen.«

»Natürlich.« Ich gehe einen Schritt zur Seite, bitte ihn ins Wohnzimmer. »Möchten Sie einen Tee?«

»Nein danke, ich will Sie nicht lange aufhalten.« Lächelnd reicht er mir seinen Mantel. Ich hänge ihn über das Treppengeländer, der erneute Weg nach unten ist mir zu weit.

Kok setzt sich in einen der Sessel, schlägt ein Bein über das andere. »Vor siebzehn Jahren übernahm ich die Praxis meines Vaters und damit auch seinen Patientenstamm. Eine Weile arbeiteten wir noch zusammen, doch schließlich zog er sich gänzlich zurück.«

»Dann habe ich mit Ihrem Vater telefoniert?«

»So ist es.« Er lächelt, wirkt dennoch ernst. »Seit zwei Jahren ist er geistig verwirrt. Es begann nach einer Chemotherapie und wurde immer schlimmer. Ich scheue mich davor, ihn in eine Pflegeanstalt zu geben. Meine Frau und ich betreuen ihn zuhause.«

»Aber dort war ich. Niemand hat mir geöffnet.«

»Die Wohnung über der Praxis?« Kok schüttelt den Kopf. »Sie steht leer, seit mein Vater nicht mehr allein leben konnte. Ich wohne etwas außerhalb der Stadt.«

Mir fallen Steine vom Herzen. »Auch wenn es mir um Ihren Vater sehr leidtut, ich bin erleichtert, dass sich das Missverständnis so leicht klären lässt. Ich befürchtete schon, einem Betrüger auf den Leim gegangen zu sein.«

Kok winkt ab. »Ich habe die Mail gelesen, die er an Sie geschrieben hat. Manchmal vergisst er, dass er kein praktizierender Arzt mehr ist. Die Vergangenheit dringt in seine Gegenwart, ohne dass er es bemerkt.« Sein Blick fällt auf einen der Briefe. »Darf ich?«

Es ist der Vierte. Ich habe ihn noch nicht gelesen. Dennoch nicke ich.

»Diese Dokumente erwähnten Sie in Ihrer Nachricht, ja?«

»Ja. Hat mein Großonkel jemals von einen Rouven van Donker gesprochen?«

»Der Mann, der unterschrieben hat.« Kok hält den Pergamentbogen näher zum Licht. »Hier steht ein Datum. Der erste Mai 1811.«

»Der Brief davor ist auf das Jahr 1715 datiert.« Mir wird flau. Wann habe ich das letzte Mal etwas gegessen?

»Ich weiß nicht viel von alten Schriften, doch diese hier scheint mir für das neunzehnte Jahrhundert zu antiquiert zu sein. Sie wirkt, wie einem mittelalterlichen Buch entsprungen.« Er streicht seinen Hals entlang, massiert gedankenversunken die seitlichen Sehnen.

Sein Schal verrutscht. Eine Narbe. Ziemlich breit. Direkt über seiner Kehle.

Ich bilde mir ein, den aufgeworfenen Rand zu erkennen.

Für eine Schilddrüsenopperation sitzt sie zu weit oben.

Ein Unfall?

»Den Namen hat Ihr Großonkel mir gegenüber nie erwähnt. Auch hörte ich an diesen traurigen Tag zum ersten Mal von diesen Briefen.« Kok versinkt in den Zeilen, grinst.

»Sie können das ohne Hilfe lesen?« Ich bin beeindruckt.

»Ich?« Verwirrt sieht er mich an. »Nein. »Ich tue mich schwer mit Handschriften. Selbst meine kann ich kaum entziffern. Ohne meine Sprechstundenhilfe wäre ich aufgeschmissen.« Er legt das Pergament zurück, richtet seinen Schal.

Die Narbe verschwindet hinter kariertem Stoff.

»Es ist spät. Ich werde mich verabschieden. Bitte schonen Sie ihr Bein. Ich finde den Weg allein nach draußen.« Er erhebt sich, reicht mir die Hand. »Ich bedaure sehr, dass Ihnen mein Vater Sorgen bereitet hat.«

»Nicht der Rede wert.« Er muss mein Humpeln bemerkt haben, dabei versuche ich es in Gegenwart anderer zu unterdrücken.

Ich lausche Koks Schritten auf der Treppe, bis die Haustür ins Schloss fällt.

Sein Vater ist senil. Das erklärt einiges. Auf jeden Fall ein Rätsel weniger, mit dem ich mich herumschlagen muss.

Mein Magen knurrt. Ich sollte etwas essen. Der Weg hinab in die Küche bleibt mir nicht erspart.

Die Karte. Sie liegt immer noch auf dem Tisch.

… eine Freude, 

Rouven van Donker, der Marquis

Das Essen kann warten.

~*~

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