Der Marquis von FlandernEs ist schön, Hendriks tiefen Atemzügen zu lauschen. Vor geraumer Zeit ist er eingeschlafen. Ein wenig habe ich an seiner Seite geschlummert, doch dann betrat die Magd das Zimmer, um frische Scheite aufzulegen.
Jaspar muss sie auf die Situation vorbereitet haben. Sie errötet zwar, als sie Hendrik und mich eng aneinandergeschmiegt liegen sieht, wirkt jedoch gefasst.
Sie ist hübsch, wenn man von dem verhärmten Zug um die Mundwinkel und der latenten Angst in den hellblauen Augen absieht. Dieser Blick ist mir vertraut und es fällt mir leicht, in ihm zu lesen.

»Wer war es?« Ich setze mich auf, um sie besser beobachten zu können.

»Herr?«

Ich bilde mir ein, ihren rascher werdenden Herzschlag zu hören.

»Der Kerl, der dich missbraucht hat.«

Sie zuckt zusammen. Schrecken spiegelt sich in ihrer Miene. Aber da ist noch mehr. Es reicht weiter in ihre Seele als eine durchlittene Nacht und die Schmach der folgenden Monate.

Schuld. Warum? Sie wird sich an ihrem Peiniger nicht gerächt haben. Das bringen die wenigsten Frauen fertig. Dennoch bin ich mir sicher, dass ein Leben gelöscht worden ist.

Ein junges. Ein gerade erst geborenes.

»Sohn oder Tochter?«

»Bitte?« Das Scheit rutscht ihr aus der Hand.

»Du hast ein Kind bekommen, von dem niemand erfahren durfte.«

»Woher wisst Ihr das?« Dem Mädchen steigen Tränen in die Augen.

Sie ist elend dran, wenn ihr die Nerven fehlen, mir zu widersprechen, die Tat zu leugnen oder einfach so zu tun, als würde sie mir nicht folgen können.

»Es steht dir auf der Stirn geschrieben.« Zumindest für jeden, der in den Abgründen der Menschen zu lesen vermag.

»Nein, tut es nicht«, wispert sie, während ihr Gesicht die Farbe verliert. »Sonst wäre ich längst tot.«

»Weil sie Kindsmörderinnen hängen?«

Sie fährt sich über die Stirn, beginnt zu zittern.

»Auch eine Vergewaltigung wird mit dem Strick gesühnt. Wer war es?«

»Er sagte, niemand würde mir glauben. Er würde behaupten, dass ich eine Hure wäre und Geld verlangt hätte.«

»Hast du?«

»Nein!«

So rührend, wie sie sich an den letzten Rest Anstand klammert, der ihr geblieben ist.

»Wer war es?«

»Er drohte mir. Immer und immer wieder. Mit vielen Dingen, mit schrecklichen Dingen.«

»Glaube mir, sie sind nur halb so schrecklich wie meine Methoden. Also raus mit der Sprache. Wer war es?«

Sie fällt auf die Knie, verbirgt ihr Gesicht hinter den Händen.

Ich schwinge mich aus dem Bett, trete nackt, wie ich bin, vor sie. »Sag mir, wer es war.«

Sie schüttelt den Kopf.

Ich greife in ihr Haar, ziehe sie daran nach oben. Ihr Wimmern berührt mich nicht. Sie hat weit Schlimmeres hinter sich gebracht als diese Unannehmlichkeit.

»Bent, der Geselle des Küfers.«

»Und wie ist dein Name?« Ich will ihn von ihr grüßen, kurz bevor sein Blick bricht.

»Frida, Herr.«

»Siehst du, nun sind wir einander vertraut und du brauchst dich nicht mehr zu fürchten.«

Sie nickt, obwohl sie am ganzen Körper vor Angst bebt.

»Da wir jetzt Freunde sind, verrate mir, was es war. Ein Sohn oder eine Tochter.« Die Antwort ist mir gleichgültig. Doch für den Dienst, den ich ihr erweisen werde, erwarte ich eine Vorauszahlung in der stabilsten Währung: Leid.

»Eine Tochter.« Sie schluchzt auf, versucht nicht einmal, meine Hände von sich zu streifen oder sie gar wegzuschlagen.

Einen Wimpernschlag lang erwähne ich, sie zu fragen, wie sie es vollbracht hat.

Vielleicht später.

»Bitte, Herr, verratet mich nicht!«

»Ich schütze dein Leben, du schützt meines.« Ich lasse sie los, sie sinkt erneut zu Boden.

Die meisten Menschen sind nicht dafür geschaffen, sich zu erheben. Ich habe es von Beginn an in ihren Augen gesehen. Wer aus Dreck geformt wurde, entbehrt jeglichen Stolzes, jeglicher Würde. So dachte ich damals, als man mich zwingen wollte, vor ihnen zu knien, und so denke ich über die meisten ihrer Art immer noch.

Ich verweigerte mich, wurde des Hochmuts und des Ungehorsams bezichtigt, und trat meine Strafe an, die ich bis über den heutigen Tag hinaus verbüßen werde.

»Rouven?« Hendrik sitzt im Bett, die Brauen über der hübschen Nase zusammengezogen. »Was machst du mit der Frau?«

Er sieht nur ihre Tränen im Augenblick. Denkt, ich hätte sie hervorgelockt. Doch ihr Ursprung liegt weit zurück.

Ich nehme sie am Ellbogen, helfe ihr auf die Beine. »Lass uns allein.«

»Ihr verratet mich nicht?«

»Du verrätst uns nicht?«

»Niemals.«

»Dann sorge dich nicht wegen einer Tat, die du weder rückgängig machen, noch sonst wie aus der Welt schaffen kannst.« Ganz nah neige ich mich zu ihr. »Wie hast du es bewerkstelligt?« Dieses Quäntchen Leid schuldet sie ihrem toten Kind ebenso wie mir.

»Nein.« Sie schließt die Augen, wendet sich ab. »Ihr habt kein Recht auf diese Frage.«

Würde in der zerbrechlichen Hülle einer Sünderin.

Und Mut.

Beides imponiert mir.

»Die Räder des Schicksals werden sich zu deinen Gunsten drehen und jetzt geh. Diesem hübschen Jungen dort steht noch ein tüchtiges Stück Arbeit an mir bevor.«

Ihr Blick huscht zwischen mir und Hendrik hin und her, dann rafft sie die Röcke und eilt aus dem Zimmer.

»Hast du keine Angst?« Hendrik sieht ihr hinterher.

»Nein. Keine Frau verrät denjenigen, der ihr zu Gerechtigkeit verhilft.«

»Du willst ihr helfen? Wobei?«

»Das, Geliebter, geht dich nichts an.« Ich steige aufs Bett, schlage die Decke zurück und genieße den Anblick seiner wohlgeformten Nacktheit. »Ich will dich bis zum Anschlag in mir spüren, oder denkst du, das bisschen Schwanzlutschen würde mir genügen?« Danach ist noch ausreichend Zeit, mich um die Belange einer Kindsmörderin zu kümmern.

Ich schließe die Augen, erinnere mich an ihren Leidensblick. Frauen sind schwach. Nur diejenigen, die hintertrieben sind, werfen einen Blick auf die glückliche Seite des Lebens. Kinder sind noch schwächer. Da es ihnen an Hinterlist mangelt, recken sie ihre schmutzigen Hälse vergebens der Sonne entgegen. Ihr Wohl hängt am Mitgefühl jedes Einzelnen ab, der stärker ist als sie.

Es macht mir nichts aus, in ihrem Sinne als Advokat zu fungieren. Doch ich beharre auf meine Bezahlung.

Frida wird sie entrichten und ein zweites Mal zur Mörderin werden.

»Rouven?« Eine warme Hand legt sich an meine Wange. »Fehlt dir etwas?«

»Ich hasse mich.« Die Erkenntnis ist nicht neu, bleibt jedoch aktuell.

»Warum?«

Ich lasse die Lider geschlossen, lausche nur auf seine leise Stimme. Ich liebe sie, wie ich alles an ihm liebe. Ich hatte siebzehn Jahre, um ihn in mein Herz zu betten. Er hingegen kennt mich erst seit wenigen Stunden.

»Weil ich mich entschieden habe, die Wahrheit zu sehen. Ohne den Schleier des Glaubens, der Schuld oder der Sühne darüber auszubreiten.«

»Was ist so schlimm an der Wahrheit?«

»Ihre Kanten sind schärfer als gesplittertes Glas. Du kannst nicht mit ihr leben, ohne dich zu verletzen.«

»Du wirst schwermütig.« Ein Saugen an meiner Unterlippe lenkt mich ab. »Und du schuldest mir noch etwas.«

Er ist so jung und dennoch ruht er in seinem Leben, als wäre es ihm auf den Leib geschneidert.

»Ich will wissen, wie es ist.« Er lächelt, während ihm eine leichte Röte in die Wangen steigt. »In dich einzudringen, deine Hitze um meinen Schwanz zu spüren.«

Ich stoße ihn zurück in die Kissen, knie mich über ihn.

Hendrik ist ein Phänomen. Nur ein paar Worte von ihm entfachen meine Glut.

»Massiere ihn mit dem Öl.« Ich nicke zu dem Fläschchen. »So lange, bis er steif ist. Danach massierst du mich.« Ich nehme seine Hand, führe sie zwischen meinen Schenkeln hindurch zu meinem Eingang. »Hier.«

Hendriks Wangen stehen in Flammen. Sacht tasten seine Finger an mir, drücken gegen den Muskelring. Allein davon gewinnt seine Männlichkeit an Härte.

Ebenso wie meine.

»Nur zu.« Ich komme seinem Finger entgegen. »Du siehst, wie sehr es mir gefällt.«

Er angelt nach dem Öl, beträufelt seine Fingerspitzen. Zuerst zieht er Kreise um meine im Augenblick empfindsamste Stelle, dann gleitet er hinein.

Ich entlasse meinen Wohllaut direkt an seinen Lippen, verwandele ihn in einen drängenden Kuss. »Ich werde dich reiten«, flüstere ich und genieße den süßen Schmerz der Lust in meinen Lenden. »Während du mich pfählst.«

Hendriks Keuchen geht mir als heißer Schauder durch den Leib. Mit bebenden Händen verschüttet er das Öl auf seinem Schwanz, nimmt mich an der Hüfte. »Setz dich drauf.« Seine Stimme klingt heiser vor Erregung. »Und dann reite mich so wild, wie du es aushältst.«

»Rutsch nach oben und lehne dich mit dem Rücken an die Wand.« Ich will, dass meine Härte zwischen unseren Bäuchen gerieben wird.

Er gehorcht, blickt mich erwartungsvoll an.

»Massiere erst deinen Schwanz.«

»Er ist längst steif.«

»Aber ich will dir dabei zusehen, wie du dich berührst.«

Er beißt sich auf die Lippen, wirkt verlegen.

Um es ihm leichter zu machen, lege ich mich vor ihn, spreize die Schenkel und streichle mich dort, wo mich eben sein Finger liebkost hat.

Hendrik keucht auf. Sein Blick heftet sich auf mich, während er sich schneller und schneller reibt.

Jedes Mal, wenn mein Finger in mich gleitet, entkommt uns beiden ein Stöhnen. Erst, als ich es kaum noch aushalte, setze ich mich auf ihn.

Ich bin es nicht mehr gewohnt. Das Gefühl, so stark gedehnt zu werden, dass es sich nach reißen anfühlt. Ich atme gegen den Schmerz an, sehne den Moment herbei, in dem er sich in Lust verwandelt.

Langsam lasse ich mich sinken, bis mich Hendrik vollkommen ausfüllt.

Ich verharre, ertragen den Druck in meinem Inneren, keuche ihn in Hendriks Mund, der ihn in drängende Küsse münzt. »Beweg dich«, flüstert er. »Mein Gott Rouven, beweg dich!«

Dieses Mal bin ich es, der gehorcht.

Bis mir meine Beine den Dienst verweigern.

Hendrik dreht mich unter sich, nimmt mich wild und gierig. Er lässt mich kommen, leckt mir den Schweiß vom Gesicht, reitet mich erneut.

Ich wimmere vor Schmerzen, vor Lust, vor Ekstase, die mir den Leib verbrennt.

Ich kann nicht unterscheiden, wann das eine Pulsieren aufhört und das nächste beginnt. Immer wieder krampfe ich mich zusammen, bis nichts mehr aus mir herauskommt.

Ich flehe Hendrik an, es gut sein zu lassen, bin sicher, sterben zu müssen, wenn er mich noch ein einziges Mal kommen lässt.

Keuchend sinkt er auf mich, verteilt meinen Samen auf unseren Bäuchen.

»Ich war einem Menschen nie so nah. Es ist wie ein vollkommenes Verschmelzen von Glück und Leid. Zu machtvoll, um es auszuhalten.« Er streicht mir die Haare aus dem Gesicht, küsst mir eine Träne von den Wimpern.

Vorsichtig zieht er sich aus mir zurück, tastet behutsam zwischen meinen Backen »Ich habe dir wehgetan.«

An seinen Fingern glänzt Blut.

»Das macht nichts.« Mein Herz droht, zu zerreißen. Es birst vor Gefühlen. Die erhabensten sind ihm neu. Im Vergleich dazu ist das Brennen an meinem Eingang eine Lappalie.

Ich rappele mich auf, schleppe mich zum Zuber. Noch bevor ich ihn erreiche, rinnt mir mein eigener Saft an den Beinen hinab.

»Warte.« Hendrik springt aus dem Bett, hält mich für einen Augenblick von hinten umschlungen. »Ich danke dir dafür, dass du mein Leben gerettet hast.« Er küsst mich auf den Nacken. »Und dafür, dass ich das alles mit dir tun durfte.« Er dreht mich zu sich, schmiegt seine Wange an meine. »Ich werde dich waschen«, flüstert er mir ins Ohr. »Und dich mit den erlesensten Speisen füttern.« Er führt mich zum Zuber, hilft mir beim Hineinsteigen. »Zumindest mit denen, die übrig sind.«

Sein zerknirschter Blick auf die fast leeren Platten lässt mich schmunzeln. »Wir haben noch Wein. Das genügt.«

Hendrik fischt den Schwamm aus dem Wasser, streicht vorsichtig damit zwischen meinen Backen entlang.

Ich beiße mir auf die Lippen, um keinen Laut von mir zu geben.

»Ich habe es geliebt in deiner Enge.« Er spült den blutigen Schleim von meinen Beinen, sieht immer wieder zu mir auf. »Aber ich werde mich nicht zieren, wenn du dasselbe bei mir machen willst.«

»Danke für das Angebot.« Bei Gelegenheit werde ich darauf zurückkommen. »Doch du wirst den Rest der Nacht schlafen, immerhin fand gerade deine Entjungferung statt.«

Er verzieht den Mund, klatscht mir den Schwamm auf den Bauch.

»Und ich werde meinen Teil eines Abkommens einlösen.« Mein Körper fühlt sich bleischwer an. Hoffentlich ist der Küfergeselle ein Hungerhaken.

»Kann ich dich begleiten?«

»Nein.« Hendrik ist der einzige Mensch, von dem ich will, dass er nur mein freundliches Gesicht kennt.

Ich trockne mich ab, kleide mich an und rufe nach Jorin.

»Du weckst das ganze Haus«, zischt Hendrik. »Leise!«

»Dann hört er mich nicht.« So wie ich meinen Diener kenne, hat er den Tag dazu genutzt, sich mit Jaspars Frau zu vergnügen. Er wird ebenso frisch sein wie ich.

Eine Phiole, gefüllt mit einem endlosen Schlaf, der nach und nach in den Tod mündet. Schmerzfrei und ohne verräterische Spuren zu hinterlassen. Als wäre ein müdes Herz einfach stehengeblieben. Ich entnehme das Fläschchen meinem Reisegepäck und stecke es mir in die Manteltasche.

Dieser sanfte Tod ist nicht für den Küfergesellen bestimmt. Ich werde ihn Frida anvertrauen mit der Bitte, ihn Jaspar zu schenken. Offenbar habe ich seine Gastfreundschaft überstrapaziert. Der Wunsch, mich aus dem Weg zu räumen, stand ihm im Gesicht.

Ich werde ihm zuvorkommen. Es gibt genug Menschen, die gierig auf unverdientes Glück sind. Ich gebe es ihnen mit vollen Händen und sie zahlen den vollen Preis dafür.

Jaspar ist ein Händler und ein Meister im Kalkulieren. Er sollte es verstehen.

»Geh schlafen«, ermahne ich Hendrik, bevor ich die Tür hinter mir schließe.

Am Fuß der Stiege erwartet mich Jorin. »Mir scheint, du gehst etwas breitbeiniger als gewöhnlich.« Er grinst mir entgegen, als hätte er vergessen, wer Herr und wer Diener ist.

Ich sehe es ihm nach, wie alles, was er sich an Respektlosigkeit leistet.

Loyalität ist mir eine Menge wert und Jorin verwöhnt mich schon sehr lange damit.

Ich reiche ihm das Fläschchen. »Gib es Frida. Sie soll den Inhalt in Jaspars Morgentrunk mischen.«

»Die Magd mit dem blonden Zopf?«

»Genau die.«

»Kein Problem. Was ist mit dir?«

»Ich treffe Vorkehrungen für ein Gerichtsverfahren mit anschließender Urteilsvollstreckung.«

»Brauchst du mich dabei?«

»Nein.« Es ist mir zur Gewohnheit geworden, meine Hände ohne fremde Hilfe in Blut zu tauchen.

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