Der Marquis von Flandern1715. Ein ereignisreiches Jahr liegt hinter mir. Viele Höhen, die ich jedoch alleine begehen musste, einige Tiefen, in die mich die politische Situation zwang. Nur wenige Machthabende forderten meinen strategischen Rat in kriegerischen Angelegenheiten. Vielmehr wurde ich gebeten, dem Gevatter Tod zur Hand zu gehen. Demnach stellte sich mein persönlicher Jahreshöhepunkt am 1. September ein. Wie tragisch, wenn ein glorreicher Herrscher an etwas Grobem wie Wundbrand dahinscheidet. Er hätte ihm bereits Jahre zuvor erliegen sollen, dann wäre meinem präferierten Flecken Erde eine Menge Leid erspart geblieben.
Die Kunst des Heilens entspricht derjenigen, des Verfluchens. Ein paar Worte in die Luft geworfen und von willigen Ohren empfangen, wirken im Verborgenen, bis das anvisierte Ziel erreicht ist. Die Runen dienen nur dazu, den Glauben an die Tat in den schlichten Geist noch schlichterer Gemüter zu senken. Hendrik hätte sich von meinem Hokuspokus niemals einschüchtern lassen. Bis zum letzten Tag unserer gemeinsamen Zeit zweifelte er die Existenz des Zeichens an. Gleichgültig, wie detailgetreu ich es ihm in Vollmondnächten schilderte. 

Ich vermisse ihn. Wie soll ich begreifen, warum er über die eherne Brücke, die ich ihm schuf, nicht gehen wollte?

Wegen Jaspar Schouten? Der Tod des Händlers war unabänderlich. Er war meiner überdrüssig geworden, sehnte sich nach dem Anblick meines Halses in einer beliebigen Henkersschlinge. Er meinte, danach frei zu sein, doch was bedeutet Freiheit für einen eingesperrten Geist, der zwischen Münzenzählen und Pfefferabwiegen hin und her taumelt? Mein kluger Hendrik hatte recht behalten. Schoutens Ohren liebten das Belauschen des vermeintlich Verbotenen. 

Mich hätte er anschwärzen können. Ich winde mich aus jedem Strick. Aber Hendrik wäre im Hin- und Hergezerre zwischen geistlichem und weltlichem Gericht unter die Räder gekommen. 

Mein Herz blutet bei diesem Gedanken. 

Selbst jetzt noch. 

Hendrik beherrscht die hohe Kunst, dem Gefallenen ein Stück Himmel zu schenken und ein simples Schwanzlutschen in etwas Heiliges zu verwandeln.

Ich vergesse mich. Rutsche in das trübe Fahrwasser der Gosse. Das geschieht mir oft. 

Im Gestank geht es ehrlich zu.

Keine Wortdrechseleien, kein Heucheln, kein Lügen hinter Seidenfächern. Ich treibe mich gern dort herum, mische mich unter den Pöbel, mildere das Leid des einen, um das des anderen zu verdoppeln. Es ist ein Tausch. Das war es immer. 

Meiner war miserabel. 

Bedauerlicherweise schert es niemanden. 

Der Ordnung halber, und um mir einzureden, dass ein Lichtfunke in den schwärzesten meiner Handlungen glimmt, erwähne ich, dass ich mich Schoutens junger Magd annahm. Das Unrecht, das der Geselle des Küfers an ihr begangen hatte, sühnte ich am Morgen nach Hendriks Entjungferung unter den Rädern eines Bierwagens. 

Welch Ironie. Er war beladen mit eben jenen Fässern, die kurz zuvor durch des Gesellen geschickte, leider auch grausame Hand hergestellt worden waren. 

Schouten geriet unter keine Räder. 

Er starb friedlich in seinem Bett, kurz nachdem ich mich von ihm verabschiedet und mich für seine Gastfreundschaft bedankt hatte. 

Solche Dinge geschehen.

Manchmal. 

Ich sehe nach draußen in eine eiskalte Sternennacht, hebe ein Glas köstlichen Weines an meine Lippen, und erinnere die Freuden, die mir Hendrik einst bereitet hat. 

Wie immer verabschiede ich mich still von einem dahinscheidenden Jahr, um ebenso still das neue zu beginnen. 

In freundlichem Gedenken an helle Zeiten, 

Rouven van Donker, der Marquis

~*~

Er hat jemanden umgebracht. Diesen Küfergesellen. Ein klares Geständnis, auch wenn er die Methode nicht erklärt. Stieß er den Mann vor das Fuhrwerk? Und der Kutscher sollte nicht in der Lage gewesen sein, die Pferde zum Halten zu bringen oder den Wagen umzulenken? Ich weiß zu wenig von solchen Dingen.

Nicht nur einen Mord, nein, den an Schouten erwähnt er ebenfalls. Hat ihn Hendrik deswegen verlassen?

Meine Finger beben. Es liegt am Kaffee.

Dass dieser Kerl in den Briefen Hendrik heißt, macht mich irre.

Und das: Der Brief ist auf das Jahr 1715 datiert. Wie alt –  zum Henker! – ist dieser Rouven geworden?

Geworden? Ich höre meinem abgehackten Lachen zu.

Er hat mir eine Briefkarte in den Postschlitz gesteckt.

Ich ziehe das erste Schriftstück aus dem Stapel. 1352 hat er die Rune auf die Kinderstirn gezeichnet. Zu diesem Zeitpunkt war er wahrscheinlich erwachsen, da sich der Alte vor einem Kind nicht gefürchtet hätte. Der Einfachheit halber gebe ich dem Marquis 20 Jahre. Dann wäre er 1332 geboren worden.

Wieso, Herrgott nochmal, komme ich auf ein Alter von stolzen 685 Jahren?

Und warum rege ich mich darüber auf? Es ist klar, dass es sich um einen Betrug handelt. Steckt Kok dahinter? Eine Absprache mit Marten, um mich hinters Licht zu führen? Wozu? Oder hat er meinen Großonkel ermordet, wie es der Marquis mit Schouten getan hat? Am Totenbett? Ganz unauffällig? Kok bat mich, die Polizei einzuschalten. Wäre er der Täter, hätte er die Sache auf sich beruhen lassen.

Ich muss mich mit ihm treffen. Ihn sehen. Dann weiß ich, ob er derselbe ist, der mich vor einer Woche an Martens Sterbebett gebeten hat.

Ich schreibe Kok eine Mail, bitte aufgrund der außergewöhnlichen Umstände um ein sofortiges Treffen.

Keine fünf Minuten später erhalte ich die Antwort. Er ist einverstanden, teilt mir seine Handynummer mit.

Ich wähle sie. Es kann nicht schaden, Koks Stimme zu hören. Eventuell erkenne ich sie.

»Kok«, meldet er sich unspektakulär. »Herr de Ruiter?«

Die Stimme klingt wesentlich älter, als ich sie in Erinnerung habe. Beinahe greisenhaft.

»Danke, dass ich Sie bemühen darf.«

»Natürlich. Macht es Ihnen etwas aus, mich in meiner Praxis zu besuchen? Ich bin nicht mehr gut zu Fuß und sie befindet sich unter der Wohnung.« Er nennt mir eine Adresse in der Langen Leemstraat. Mit dem Fahrrad sind es etwa zehn Minuten.

»Ich bin gleich bei Ihnen. Und noch einmal vielen Dank.«

»Keine Ursache, doch ich bin nach wie vor sicher, wir sollten die Polizei verständigen.«

Mittlerweile bin ich mir das auch. So betagt, wie Kok klingt, kann er nicht der Mann sein, den ich unter seinem Namen kennengelernt hatte. Ich schätze ihn auf fünfzig, höchstens sechzig und seine Stimme war klar und dynamisch gewesen. Eigentlich sehr sympathisch.

Ich beende das Gespräch.

Mein Blick fällt auf die Briefkarte. Ich habe sie bisher nicht näher in Augenschein genommen. Bevor der Tag für mich endet, werde ich es jedoch nachholen.

Ich packe mich in Schal und Handschuhe, trage das Rad aus dem Haus.

Eiskalter Wind schlägt mir entgegen.

Während der Fahrt komme ich aus dem Grübeln nicht heraus. Der schlimmste Fall: Marten ist keines natürlichen Todes gestorben und Kok, der, den ich kennengelernt habe, war ein Betrüger, eventuell sogar der Mörder. Das würde erklären, warum Marten nach der Beruhigungsspritze nicht mehr aufgewacht ist.

Wieso? Wer hat Interesse daran einen über Hundertjährigen zu töten, der ohnehin bald von allein das Zeitliche gesegnet hätte?

Ich versuche, mich so genau wie möglich an diesen Tag zu erinnern.

Kok öffnete mir, drängte mich in Martens Schlafzimmer, der schien mich sofort zu erkennen, obwohl er mich, wenn überhaupt, das letzte Mal als Kind gesehen hat. Er erzählte mir von den Briefen, warnte mich vor dem Marquis, geriet in Rage, bekam die Spritze, schlief nach einer Weile ein. Ich blieb an seinem Bett. Ebenso wie Kok, der mir leise von Martens Wunsch berichtete, nicht im Hospiz, sondern zuhause sterben zu wollen.

Ich fragte nach der Art seiner Erkrankung und Kok wies mich auf eine Herzschwäche hin, die meinen Großonkel schon seit vielen Jahren plagte.

Dann, nach einer Weile, fühlte er Martens Puls, schüttelte den Kopf und wünschte mir sein Beileid. Er stellte den Totenschein aus, kontaktierte ein Bestattungsinstitut, deren Mitarbeiter wenige Minuten später erschienen und sich um Martens sterbliche Überreste kümmerten. Angesichts meiner Überforderung riet er mir, den Notar zu kontaktieren, da mein Großonkel bereits zu Lebzeiten für diesen Fall Vorsorge getroffen hätte.

Kurz, nachdem der Leichenwagen weggefahren war, verabschiedete sich Kok ebenfalls.

Ich fuhr nach Hause, um meinen Eltern zu berichten. In den folgenden Tagen entsorgten wir persönliche Dinge wie Kleidung, Bettwäsche und dergleichen. Ich bin noch längst nicht am Ende mit der Sichtung. Allein die unzähligen Bücher fordern mich heraus.

Vor lauter Grübelei wäre ich fast an Dr. Koks Adresse vorbeigefahren.

Ich stelle mein Rad ab, drücke auf die Klingel zur Praxis.

Nichts. Ich drückte den Knopf darüber bei Dr. A. Kok. Auch dort rührt sich nichts.

Bin ich zu früh? Oder habe ich ihn falsch verstanden? Ich rufe ihn an, erreiche lediglich die Mailbox, der ich mitteile, dass ich vor seiner Tür stehe.

Das Haus scheint verlassen. Kein Licht hinter den Fenstern.

Ich warte eine Dreiviertelstunde in der Kälte, bis ich kaum noch meine Zehen spüre, versuche ständig, ihn anzurufen.

Vergeblich.

Die Muskeln in meinem Bein verkrampfen sich immer stärker. Es hat keinen Sinn, länger zu warten. Wenn er meine Nachricht abhört, wird er sich schon melden.

Ich brauche ein heißes Bad. Möglichst schnell.

Zitternd und steifgefroren steige ich aufs Rad und fahre nachhause.

Mittlerweile ist es dämmerig geworden. Vom Hafen her zeiht dichter Nebel auf. Wie Watte hängt er in den Straßen. Eigenartig, vor einer Stunde war noch nichts davon zu merken.

Mit jedem Tritt in die Pedale freue ich mich mehr auf das schmale Haus. Auch wenn mir ein ungutes Gefühl im Nacken sitzt. Ist Kok so alt, dass er unser Telefonat binnen Minuten vergessen hat?

Ich schleppe das Rad die Stufen hinauf, schließe auf und atme erleichtert auf. Endlich Wärme. Bevor ich irgendetwas anderes mache, werde ich mich in die Wanne legen.

Mein Bein ist schon ganz steif. Die Treppe bereitet mir Mühe.

Ich lasse heißes Wasser ein, nehme mein Entspannungsölbad aus dem Badezimmerschränkchen.

Vor einer Woche habe ich es ausgeräumt. Rasierschaum, Badezusätze, Shampoo, ein Nagelpflege-Set, Pflaster und dergleichen.

Marten war herzkrank. Seltsam, weder habe ich im Badezimmer, noch im Nachttisch oder in einem der Küchenschränke ein einziges Medikament gefunden. Nicht einmal Schmerztabletten oder Hustensaft. Auch keine Rheumasalbe, oder was ein alter Mensch sonst benötigt, um sein Leben erträglich zu gestalten.

Warum fällt es mir jetzt erst auf?

Bevor ich mich ins Wasser sinken lasse, kontrolliere ich meine Nachrichten. Vielleicht hat sich Dr. Kok mittlerweile gemeldet.

Nein, hat er nicht.

~*~

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