Der Marquis von Flandern»Darf es noch etwas sein?«
Ich fahre zusammen, als hätte man mir Eiswasser in den Kragen geschüttet.
Der Kellner sieht mich erstaunt an.
»Entschuldigung«, murmele ich und lächele über meinen Schrecken hinweg. »Ich war in Gedanken.«
Hendrik und Marten de Ruiter. Wenn die warnenden Worte meines Großonkels nicht gewesen wären, würde ich es für einen krassen Zufall halten. Ich brauche einen gewissen Anlauf, um mich nachher an die Entzifferung des dritten Schriftstückes zu setzen. Ein Gefühl, als steckte ich in einem Traum. Es lässt sich nicht verdrängen und abschütteln erst recht nicht.

Der Kellner bringt mir meinen zweiten Cappuccino.

Ich sollte die Tasse nicht anrühren. Ich bin auch so nervös genug. Ob Marten eine Art Familienchronik angelegt hat? Abschriften aus Kirchenbüchern, Geburtsurkunden, irgendetwas, das mir hilft, dieses Rätsel zu lösen. Hätte er nicht noch ein paar Tage länger leben können? Oder wenigstens einige Minuten, um mir die Zusammenhänge zu erklären.

Es war ohnehin ein seltsamer Tag gewesen.

Ein Herr Dr. Kok öffnete mir, stellte sich als Hausarzt meines Großonkels vor und drängte mich in Martens Schlafzimmer. Er läge im Sterben, es könne jeden Moment so weit sein.

Kaum umfasse ich Martens dünnen Finger, berichtete er mir von den Briefen, steigerte sich dabei dermaßen in Rage, dass ihm Dr. Kok ein Beruhigungsmittel geben musste.

Es wirkte.

Nach wenigen Augenblicken war Marten über den Tod hinaus beruhigt.

Ohne die Spritze hätte er vielleicht einen Herzanfall erlitten, aber das hätte nichts Grundlegendes an seiner Situation geändert. Eventuell hätte er mir das ein oder andere Detail noch mitteilen könne.

Ich werde Kok anrufen. Nur für den Fall, dass Marten etwas für mich Wichtiges vor meiner Ankunft gesagt hat. Marten war verwirrt. Ist möglich, dass er seinem Hausarzt aus Versehen in die Geheimnisse der Briefe eingeweiht hat.

Ich google, finde die Telefonnummer unter seinem Praxiseintrag. Es ist Wochenende. Will ich den Mann wirklich wegen einer Spinnerei stören? Seine Emailadresse steht unter der Nummer. Das wäre keine Störung.

Sehr geehrter Herr Dr. Kok!

Sicherlich erinnern Sie sich an die letzten Momente meines Großonkels Marten de Ruiter und die eigenartigen Dinge, die er erzählt hat. Sie lassen mir keine Ruhe. Hat er vor meinem Eintreffen bereits mit Ihnen das Thema der Briefe angeschnitten? Oder hat er etwas anderes, für mich eventuell Bedeutendes, zu Ihnen gesagt? Ich wäre Ihnen für ihre Hilfe sehr dankbar.

Mit freundlichen Grüßen,

Hendrik de Ruiter

Der Cappuccino ist nur noch lauwarm, als ich ihn trinke. Etwas Klügeres, als das alte Haus nach einer Art Chronik abzusuchen, fällt mir nicht ein.

Ich bezahle, stelle fest, dass mein Portemonnaie so gut wie leer ist, und fühle mich deswegen schlecht. Der Grund: Auf meinem Konto sieht es kaum besser aus. Wegen der Erbschaftsteuer stehe ich in harten Verhandlungen mit meinem Vater. Da ich nicht Martens Sohn bin, sondern nur sein Großneffe, muss ich eine horrende Summe zahlen, über die ich definitiv nicht verfüge. Ich bat meinen Vater um ein zinsloses Darlehen. Er lachte über diese Idee. Ein paar Wochen habe ich noch Bedenkzeit, dann muss ich mich entscheiden, ob ich das Haus behalten will, oder das Erbe ausschlagen muss.

Ich ignoriere das Ziehen in meinem Bein und gehe so schnell wie möglich zum nächsten Geldautomaten. Sicherheitshalber lasse ich mir die Auszüge drucken, bevor ich Geld abhebe.

Ich überfliege die schmalen Blätter. Nichts Ungewöhnliches.

Stopp. Der Saldo stimmt nicht. 100.000 Euro mehr als erwartet. Mir wird der Finger abfaulen, mit dem ich die Servicenummer der Bank wählen werde, um den Irrtum zu meinen Gunsten klarzustellen. Oder sollte sich mein Vater meiner erbarmt haben? Dann hätte er mich darüber informiert.

Eine Bareinzahlung.

Erst gestern.

Ich bin seit vierundzwanzig Stunden ein reicher Mann und wusste nichts davon.

Ich rufe meinen Vater an, frage so schwammig wie möglich, ob er etwas auf mein Konto eingezahlt hätte. Die Summe verschweige ich.

Hat er nicht. Warum sollte er?

Ja, warum sollte er?

Ich rede mich mit small talk raus, lasse meine Mutter grüßen und beende das Gespräch.

Von wem stammt das Geld? Es kann nur ein Versehen sein. Ein Zahlendreher in der Kontonummer?

Moment. Es ist eine Barzahlung.

Mein Herz klopft mir plötzlich im Hals.

Für derartige Einzahlungen muss man an den Schalter, oder, was wesentlich üblicher ist, man zahlt es über den Geldautomaten ein.

Dazu braucht man die entsprechende Karte.

Ich halte sie in der Hand. Bis eben steckte sie in meinem Portemonnaie. Gestern tat sie das garantiert auch.

Es hilft nichts. Ich muss am Montag zur Bank, mich darum kümmern.

Ich ziehe nur 50 Euro, was mich ohne die seltsame Spende noch weiter an die Grenze meines Dispokredits gebracht hätte.

Auf dem Weg nach Hause grübele ich mein Hirn wund.

Ich hinke die wenigen Stufen hinauf, schließe die Haustür auf.

Ein Brief liegt vor meinen Füßen.

Ich mag es nicht, wenn die Post gleich nach dem Briefschlitz in der Tür ins Leere fällt. Immerhin könnte etwas Zerbrechliches darin sein. Gedanklich notiere ich mir, dass ich nächste Woche einen richtigen Briefkasten anbringen werde.

Ein schlichter, weißer Umschlag ohne Absender.

Für Hendrik de Ruiter.

Keine Briefmarke, keine Adresse.

Jemand hat ihn vorbeigebracht.

Auf dem Weg ins Wohnzimmer reiße ich ihn auf.

Eine Briefkarte.

Texturschrift. Nur drei eng geschriebene Zeilen.

Die Zeichen flirren als Gitter vor meinen Augen.

Kann kaum ein Wort entziffern.

Bis auf den Gruß.

… eine Freude, 

Rouven van Donker, der Marquis

Ein mieser Scherz. Oder ein verrücktes Spiel und irgendjemand skrupelloses hat meinen armen Großonkel dazu missbraucht. Oder stammt die Idee von ihm? Ein Witz auf meine Kosten als letzte Tat seines zurückgezogenen Lebens? So was in der Art.

Mir ist flau.

Ich muss mit jemandem reden, der Marten gut kannte. Der mir sagen kann, ob der alte Mann zu so einer Hinterlist fähig gewesen war.

Ich rufe meine Mutter an, frage nach Freunden. Sie wundert sich über den Anruf, kann mir jedoch nicht helfen. Marten hätte sich, seit sie denken könne, von allen Familienmitgliedern ferngehalten. Sie wüsste so gut wie nichts von ihm.

Für eine Sekunde erwäge ich, ihr von dem Geld und den seltsamen Briefen zu erzählen.

Ich lasse es, kontrolliere stattdessen mein Postfach.

Dr. Kok hat auf meine Mail geantwortet.

Sehr geehrter Herr de Ruiter!

Ihre Nachricht setzt mich in Erstaunen. Ich entnehme ihr, dass Ihr Großonkel verstorben ist. Sollte dem so sein, möchte ich Ihnen mein aufrichtiges Beileid aussprechen. Allerdings wusste ich nichts von Marten de Ruiters Tod. Er war das letzte Mal vor über zwanzig Jahren in meiner Praxis. Seither habe ich nichts mehr von ihm gehört. Demnach kann ich Ihnen nicht behilflich sein. Befürchte, dass es sich entweder um ein Missverständnis oder gar einen Betrugsversuch handelt. Ich bitte Sie daher, die Polizei einzuschalten, da sich offensichtlich jemand unter meinem Namen ausgegeben hat. Ich persönlich werde der Sache selbstverständlich ebenfalls nachgehen.

Mit freundlichen, jedoch außerordentlich besorgten Grüßen,

Dr. A. Kok

Plötzlich ist meine Kehle zu eng zum Schlucken. Was wird hier gespielt? Und wer, verdammt, spielt?

Ich habe ihn sterben sehen, habe mit meinen Eltern die Urne beigesetzt. Wir waren allein auf dem Friedhof. Es liegt auf der Hand. Marten besaß keine Freunde und hätte er mich nicht als Erbe vorgesehen, wären noch nicht einmal meine Eltern dort erschienen.

Ich schwanke zum Schreibtisch, nehme die Kopie des Testaments aus der Schublade. Der Notar hatte sie mir zugeschickt. Marten erwähnt keinen anderen Erben. Keine Kinder, keine Frau, keine Geschwister. Nur mich als seinen Großneffen.

Das Schreiben hilft mir nicht weiter.

Ich muss die Polizei anrufen. Sofort.

Mein Blick fällt auf die fünf ungelesenen Pergamente.

Bevor ich sie nicht bis zum letzten Buchstaben entziffert habe, rufe ich niemanden an.

Und da wäre noch die Briefkarte.

Ich brauche Kaffee.

Es wird ein langer Tag.

~*~

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2 Gedanken zu “Der Marquis von Flandern – Kapitel 5

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