Der Marquis von Flandern»Geh ihm nicht nach.« Schouten kommt näher, packt mich an den Schultern. »Junge, geh ihm bloß nicht nach!«
»Aber das erwartet er von mir.« Rouven hat mich plötzlich seltsam angesehen, und ist allein im Gang oberhalb der Stiege verschwunden. Er hat mir noch gesagt, wo das Zimmer ist. Auf eine Art, die mir mehr als deutlich gemacht hat, dass ich ihn gekränkt habe.
»Du bist noch so jung.« Der Mann schüttelt mich. »Geh einfach weg, nimm dir eines meiner Pferde und gib ihm die Sporen!«

»Welche Sporen?« Meine Füße stecken in Lumpen und Klompen. Weder an dem einen noch an dem anderen befinden sich Sporen.

Schouten rollt mit den Augen. »Du weißt genau, was ich meine. Verschwinde von hier und bete, dass dir der Marquis nicht folgt.«

»Er ist kaum älter als ich. Was soll so gefährlich an ihm sein?«

Schoutens Hände gleiten von mir. »Er zeigt jedem das Gesicht, das er ihm zeigen will. Ich kenne viele von ihm. Glaube mir. Keines von ihnen ist jung oder gar schön.«

Mir fährt ein Schauder über den Rücken. Es liegt an Schoutens Blick. Etwas Grausiges liegt darin. Ein Echo dessen, was er gesehen, erlebt hat.

»Mach, was du willst.« Er wendet sich ab, kratzt sich die hohe Stirn. »Ich kann dich nicht zu deinem Glück zwingen.«

»Wer ist er?« Ein Magier vermutlich, wenn er mit unsichtbaren Zeichen hantiert. Oder ein Spinner und Aufschneider. Letzteres wäre mir lieber.

»Frag ihn«, sagt Schouten matt. »Doch wenn du Antwort abwartest, ist es für eine Flucht zu spät.«

Auf Gottes weiter Welt existiert nichts Verachtenswerteres, als Angstmacherei. Ich habe sie zu oft erlebt, zu oft darunter gelitten, mich ihr zu oft gefügt. Damit ist Schluss.

Ich humpele die Stufen hinauf, schleppe mich durch den Gang bis zu der letzten Tür.

Soll ich klopfen? Nein. Er wollte, dass ich ihm folge.

Er sitzt in einer Dampfwolke. Sie steigt aus dem Zuber auf, der mitten im Raum steht. Ich bilde mir ein, Erleichterung in den hellen Augen zu erkennen, doch die Schwaden mögen mich täuschen.

Seine Statur ist schmaler als meine. Kein Wunder, ich bin auf einem Bauernhof mit ausreichend anstrengender Arbeit aufgewachsen. Er ist ein Marquis, hat für Grobes seinen Diener.

Dennoch ist er schön. Das Gesicht ohnehin. Ich weiß nicht, was Schouten gemeint hat. Ich bin sicher, mich niemals an dem ebenmäßig geschnittenen Antlitz sattsehen zu können.

Hohe Wangenknochen, ein markantes, bartloses Kinn, Lippen, nach deren Berührung ich mich sehne.

»Du siehst aus wie ein Engel.« Es rutscht mir einfach so raus.

»Der Engel hält ein Stück Fleisch in den Fingern, mit dem er dich füttern will.« Er lächelt und ich erkenne beim besten Willen nichts Hinterhältiges darin. »Der Engel will dich auch baden. Ebenso, wie er es dir versprochen hat.«

»Der Engel wollte von mir gefickt werden. Gilt das noch?« Plötzlich ist mir heiß, als stünde ich in Flammen.

Rouven schluckt, nickt. »Oh ja, Hendrik. Das gilt noch.«

Ich zerre meine Kleidung von mir, schleudere die Klopen von den Füßen. Das Abwickeln der Fußlumpen lässt mich fluchen. Es dauert zu lang. An den Hosenbändern scheitern meine vor Erwartung zitternden Finger. »Hilf mir!«

Rouven lacht, winkt mich zu sich. »Hier, iss.« Er steckt mir das Bratenstück in den Mund, leckt seine Finger ab, bevor er sich über die Nestelbänder hermacht.

Er ist viel geschickter als ich. Hat viel schönere, gepflegtere Hände. Die Fingernägel sind sauber und glatt.

Ich nehme seine Rechte, drehe sie nach oben. Keine Schwielen. Nicht eine einzige.

Ich fühle mich plump und hässlich. Ich weiß, dass ich es auch bin.

»Glaub mir, mein Handwerk ist gröber als deines.« Er führt meine Hand zu seinem Mund, küsst sie sacht. »Schwielen zeugen von Fleiß oder Kampfesmut. Je nachdem, ob du ein Ritter oder ein Bauer bist. Beides hat seine Berechtigung.«

»Was ist mit deiner Arbeit?« Ich fahre ihm mit dem Daumen über die Lippen.

Er lächelt unter der Berührung.

»Sie hat auch ihre Berechtigung. Von Beginn an.«

»Schouten hat gesagt, ich soll vor dir fliehen.«

»Schouten ist ein kluger, aber kein intelligenter Mann. Sonst wüsste er, dass Menschen wie du nichts vor mir zu befürchten haben. Nur Menschen wie er.«

»Und was ist er für ein Mensch?«

Mein Daumen gleitet in Rouvens Mund. Mir bleibt fast das Herz stehen. Solche Dinge habe ich nie getan.

Er neckt ihn mit seiner weichen, warmen Zunge, befreit mich mit seiner Linken von den Beinkleidern. Sie rutschen an mir hinab, stellen meine Begierde bloß.

Ich ziehe meine Hand zurück. Fühle mich beschämt, weiß nicht, wohin ich sehen soll.

»Steig ins Wasser, Hendrik.«

Seine Stimme ist so sacht wie frisch gefallener Schnee.

»Jaspar ist anders als du. Er kalkuliert, wenn du empfindest, er fürchtet sich, wenn du nachdenkst.« Er stützt meinen Arm, hilft mir, beim Einsteigen. Mein Bein schmerzt nach wie vor, doch kaum versinkt es in der Wärme, entspannt es sich.

Ich seufze vor Wonne, bis über die Brust hinweg in Hitze zu versinken.

Rouven füttert ich mit Apfelstückchen, reicht mir zum Hinunterspülen einen Becher Wein.

Er ist warm, würzig, rinnt wie Samt durch meine Kehle.

Mir ging es noch nie in meinem Leben so gut.

Immer wieder schiebt mir Rouven Köstlichkeiten zwischen die Lippen. Nur bei einem Löffel mit Grütze drehe ich den Kopf weg. »So was esse ich zu Hause jeden Tag. Es macht satt, aber das Fleisch ist mir lieber.«

Rouven lacht, schneidet mir den Braten in mundgerechte Happen.

Das Wasser schwappt über den Rand, als er sich auf meinen Schoß setzt, und mir ein weiteres Stück zwischen die Lippen schiebt. Er betrachtet meinen Mund, neigt sich zu mir, leckt darüber.

Vor Schreck vergesse ich, zu kauen.

»Ich kann nicht mehr warten«, flüstert er. »Du bist mir zu nah.« Er bewegt sich auf mir, reibt sich an meinem Bauch.

Für einen Moment sehe ich Sterne vor den Augen.

»Lehn deinen Kopf nach hinten.«

Ich mache, was er mir sagt.

Er beißt mir in die Kehle. Nicht zu fest, aber heftig genug, dass ich erschrocken keuche.

»Willst du immer noch vor mir fliehen, Hendrik de Ruiter?«

»Nein.« Etwas Hartes stößt gegen meinen Unterbauch.

Ich taste danach, umschließe es fest mit meiner Hand.

Rouven stöhnt auf, während ich es massiere. Er lässt sich gegen mich sinken, saugt fest an meinem Hals.

Ich bebe vor Lust. Vermag es kaum, zu atmen.

Rouven schnellt mit dem Becken nach vorn, stößt in meine Faust, während er heftig an meiner Kehle saugt. Er stöhnt, knurrt, gebärdet sich immer wilder. Plötzlich umschließt er meine Hand mit seiner, presst sie fest zusammen.

Ich spüre sein Zucken, weiß, dass es ihm kommt.

Er wirft den Kopf in den Nacken, keucht so heiser, so laut, dass es mir im Unterleib krampft.

Ich kann mich nicht zurückhalten. Ich muss ihn haben. Jetzt gleich.

»Warte.« Rouven hält mich zurück. »Nicht hier drin.« Matt zeigt er über den Rand des Zubers zum Bett. »Da steht ein Fläschchen mit Öl. Damit geht es leichter. Doch vorher gib mir noch einen Moment.« Er schließt die Augen, schluckt. »Ich weiß, du willst mir die Seele aus dem Leib vögeln, aber du wirst keine finden.« Er lächelt atemlos, was ihn für mich zum begehrenswertesten Mann auf Gottes Erdboden werden lässt. »Ein Grund mehr für dich, keine Rücksicht zu nehmen.«

»Du hast keine Seele?« Seine Worte dringen wie durch zähen Honig zu meinem Verstand. »Jeder Mensch besitzt eine. Auch die Zauberer.«

»Du hältst mich für einen Zauberer?« Sein schiefes Grinsen währt nur einen Wimpernschlag. »Es gibt keine Zauberer. Nur Trickser. Aber keiner ist so gut wie ich.«

»Du hast mir ein Zeichen auf die Stirn gemalt.«

»Gib deiner Schwester einen Topf Farbe und sie kann es ebenso gut.«

»Was meine Schwester malt, ist nicht magisch.«

»Was ich male, auch nicht. Es ist bindend. Das ist etwas anderes.«

»Zwingst du mich hierzu?«

»Fühlst du dich von mir zu irgendetwas gezwungen?«

»Nein.« Ich fische den Schwamm aus dem Wasser, beginne, mich sorgfältig abzuschrubben. »Ich fühle mich von dir verführt und zu diesem Zweck will ich sauber sein. Überall.«

Rouven lacht. »Ich mag dich.«

»Ich dich auch.« Ich fische die Seife aus einer Schale. Sie riecht gut. Nach Kräutern.

»Und was ist mit dem, was Schouten über mich erzählt hat?«

»Er meinte, ich solle dich fragen, wer du bist. Doch wenn ich die Antwort abwartete, wäre es für mich zu spät.«

Rouven zieht die Brauen hoch.

»Ich habe mir Folgendes gedacht.« Ausgiebig schäume ich mir Hals, Ohren und Haare ein. »Ich frage dich nicht danach, du sagst es mir nicht und ich kann vor dir fliehen, wann immer ich will.«

Sein Mund klappt auf.

Während ich mit dem Schwamm über meine Achseln fahre, schließt er sich langsam wieder.

»Du bist ein freier Mann, Hendrik.« Er nimmt beide Weinbecher, reicht mir einen. »Nicht einmal ich vermag das zu ändern. Und selbst wenn, ich würde mich ins eigene Fleisch schneiden.« Er prostet mir zu, leert den Becher, ohne den Blick von mir zu wenden.

»Gut.« Der Wein schmeckt hervorragend. »Dann sind wir uns einig.«

~*~

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s