Don't kiss, just driveSegador. Noch jemand, der meine Akte kennt. Verdammt, die Reise nach Frankreich wäre genau das Richtige gewesen. Allein, um abzuschalten.
»Dan Murray ist tot«, sagt Nelly nebenbei. »Weißt du noch, der Versicherungsagent, von dem ich dir erzählt habe.«
»Du hast mir von keinem Versicherungsagent erzählt.« Der Name kommt mir dennoch bekannt vor. »Doch, doch, als das damals mit deiner Mutter passiert ist. Da hat er mir durch den Wust ihrer Policen geholfen.«

Meine Mutter starb, als ich in einem von Gott verlassenen Land meine Vorliebe für einen kaugummikauenden jungen Mann entdeckte, der sich vor allem in Toilettenkabinen hervorragend küssen ließ.

»Herzversagen. In seinem Büro. Miss Walpaper vom Blumengeschäft hat gesehen, wie sie heute Morgen seine Leiche rausgetragen haben.«

»Die bedecken die Körper.« Kein Sanitäter mutet einem Passanten den Anblick eines Verstorbenen zu.

»Schon«, plaudert Nelly. »Aber Miss Walpaper hat mit seinem Chef gesprochen. Der hat ihn gefunden. War angeblich ganz durch den Wind. Murray war ja auch erst siebenunddreißig. Viel zu jung, um an Herzversagen zu sterben.«

»Stress im Job?« So was soll’s geben. Apropos: »Ich wechsele die Branche.« Zumindest ein wenig. »Jemand hat mich als Chauffeur engagiert.« Den zweifelhaften Vertrag zeige ich ihr sicherheitshalber nicht. »Mein neuer Boss scheint ein etwas unstetes Leben zu führen. Kann sein, dass ich zwischendurch mit ihm ins Ausland muss.«

»Ins Ausland?« Nellys Augen werden kugelrund. Seit meiner Zeit in Afghanistan ist allein das Wort Ausland der Inbegriff alles Bösen für sie. »Was sagt Jeff dazu?«

Verdammt. Ich muss den Job bei ihm kündigen. Meine Schicht würde heute Abend beginnen. Allerdings soll ich da Teshi fahren. Ich zücke das Handy und wähle Jeffs Nummer. Während Nelly immer wieder hektisch abwinkt, erkläre ich ihm, was Sache ist und danke ihm für alles, was er bisher für mich getan hat. Insbesondere für sein Vertrauen in mich. Er scheint mittelprächtig geplättet zu sein, den für eine ganze Weile kommt kein Ton von ihm.

»Scheiße, Jacob. Du schmeißt den Job?«

»Ich habe ein echt verlockendes Angebot bekommen.« Ich sollte die Finger kreuzen. »Als Chauffeur.«

»Was?«

»Als Chauffeur!«

»Fuck!« Er beendet das Gespräch. Einfach so.

»Was sagt er«, fragt Nelly ängstlich.

»Fuck.«

»Fuck?« Meine Tante schlägt die Hand vor den Mund. Als sie sie wegnimmt, ist sie eine Spur blasser. »Junge, du hast einen furchtbaren Fehler begangen.«

Vermutlich. Fühle mich für einen Augenblick wie eine Maus, die kurz davor steht, ihre Zähne in das Speckstück der Falle zu schlagen. »Mach dir keine Gedanken, ich weiß, was ich tue.« Einen Scheiß weiß ich.

Duschen, mich in frische Sachen werfen, rasieren, Zähne putzen. Der misstrauische Blick aus dem Spiegel beginnt, mich auf nervende Weise zu verfolgen.

Ich sehe die Leine nicht, die mir Teshi um den Hals geworfen hat. Doch ich spüre sie. Er zieht sanft an mir, belohnt meinen Gehorsam mit Leckerlis, aber er zieht.

Oder ist es Cutter?

Wer, verdammt, hält das andere Ende?

Nelly hockt wie ein Häufchen Elend auf dem Sofa, die Hände im Schoß gefaltet. »Es war ein so guter Job, der bei Jeff.«

»Du wusstest, dass ich mich verändern wollte.«

Das Wissen, das Richtige zu tun, und das Gefühl, dass das Richtige grottenfalsch ist, beuteln mich während der Fahrt zurück ins Sheraton.

Ich habe keine Schlüsselkarte, also rufe ich aus der Hotellobby Teshi an, der jedoch nicht rangeht.

»Mr. Getty?« Die Dame an der Rezeption reicht mir einen Umschlag. »Der ist für Sie.«

Getty. In rot. Die Farbe beginnt mich zu nerven.

Hundert Dollar Scheine. So viele, dass ich mich sogar hier nicht traue, sie hervorzuziehen.

Eine schlichte, weiße Briefkarte.

Eine Anzahlung für geleistete und zukünftige Dienste. 

Teshi wird sich gegen zweiundzwanzig Uhr bei Ihnen melden. Bereiten Sie sich auf eine Reise vor. Gefordert wird nur kleinstes Gepäck. Alles andere besorgen wir für Sie. 

Bis es soweit ist, genießen Sie ihre Zeit.

Cutter

Cutter. Ich sehne mich danach, seine Nase einzuschlagen. Teshi ist ein erwachsener Mann, weshalb springt er nach Cutters Pfeife?

Weshalb springe ich danach?

Eine längere Reise. Doch noch Paris? Wieso teilt mir Teshi nicht persönlich seine Pläne mit? Ich habe ihn in der Nacht ins Nirwana gefickt, verdammt. Ich habe mir sein Vertrauen mehr als verdient.

Halb elf vormittags. Endlose Stunden liegen vor mir.

Genießen Sie Ihre Zeit.

Mit Grübeln? Macht wenig Sinn.

So viel Geld auf einen Haufen habe ich nie gesehen. Weihnachten steht vor der Tür. Nelly und ich schenken uns immer nur Kleinigkeiten. Über was würde sie sich freuen? Musicalkarten. Für irgendeine glamouröse Aufführung in New York. So ein Spektakel, in das mich keine zehn Pferde schleppen könnten. Soll sie doch eine ihrer graulockigen Freundinnen mitnehmen.

Ein Wochenende, nur zum Vergnügen in dieser durchgeknallten Stadt, bis der letzte Cent von dem Geld ausgegeben ist.

Verdient hat sie sich das längst.

Ich stecke das Geld ein, fahre zurück.

»Nelly?« Ungewohnte Stille schlägt mir entgegen.

Ihr Mantel hängt nicht an der Garderobe. Sie wird einkaufen gegangen sein.

Ich bin nicht der Typ für Verabschiedungsszenen. Später werde ich ihr eine Nachricht schreiben. Mit einem Selfie. Ich und der Eiffelturm.

Das Geld lege ich in ihre Sockenschublade. Dort findet sie es erst morgen früh und kann mich heute nicht mehr mit Fragen bombardieren. Nachher fürchtet sie, ich hätte es illegal erworben. Gott, sie würde mein Handy allein wegen ihrer Anrufe zum Explodieren bringen.

Kleinstes Gepäck. Ich fische meine Reisetasche aus dem Schrank, packe das Nötigste an frischer Wäsche und werfe als krönenden Abschluss meine Kulturtasche hinein. Es fehlt nur noch meine Hundemarke.

Eine Art Hassliebe verbindet mich mit den beiden verfluchten Metallschildern. Sie gehören ebenso zu mir wie mein Pass und die Versicherungskarte. Nicht im Traum käme ich auf die Idee, sie mir umzuhängen. Die Zeiten, in denen die Schilder auf meiner Brust geklimpert haben, sind vorbei.

Aber ohne sie trete ich keine Reise an. Gleichgültig, ob lang oder kurz.

Eine zweckentfremdete Bonbondose auf dem Nachttisch bewahrt mich vor ihrem Anblick. Wird Zeit, dass ich mich ihm stelle.

Sie ist leer.

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